Georg Weckwerth

Wien sollte zu einer Metropole auch des Klangs werden
Seit mittlerweile 23 Jahren steht Georg Weckwerth mit seinem Namen kuratorisch hinter dem Projekt TONSPUR für einen öffentlichen raum im Wiener Museumsquartier. Unser Gespräch wurde zu einer langen Zeitreise in einen immer ausladenderen Projektkosmos. Schon unser Treffpunkt nahe des Architekturzentrums verwies darauf: Eine goldfarbene Plakette, sogenannter TONSPUR_klangpunkt. Der Schweizer Klangkünstler Andres Bosshard bemerkte dort die unter dem MQ ein- und ausfahrende U-Bahn, als er 2011 den „Klanghimmel MQ“ für die TONSPUR gestaltete. Dazu kamen böiger Wind, Motorengeräusche immer wieder durchfahrender Lastkraftwagen und ein heftiges Sommergewitter.
TONSPUR für einen öffentlichen raum war nicht sofort in der mittlerweile weithin bekannten barocken Passage im Außenraum des Museumsquartiers angesiedelt. Wo begann diese Idee zum Projekt zu werden?
Die Anfänge von TONSPUR gehen zurück auf das Jahr 2003. Da war das Museumsquartier noch ganz jung, es wurde zwei Jahre zuvor eröffnet, heuer feiert es seinen 25. Geburtstag. Ulrich Kurt Kühn, damals Student an der Universität für angewandte Kunst Wien, suchte im MQ-Areal nach einem passenden Ort, um eine Mehrkanal-Installation zu präsentieren. Er stieß dabei auf einen noch nicht in Betrieb genommenen, tunnelartigen Eventraum des historischen Fischer-von-Erlach-Traktes.
Wie geht die Geschichte weiter?
Kühn fragte sich durch und kam in Kontakt mit dem Kurator Vitus Weh, der Konsulent des MQ war. Weh besprach sich mit dem befreundeten Klangkünstler Peter Szely, meinem Projektpartner bis heute. Peter machte mich mit Vitus bekannt. Gemeinsam wollten wir mit der Installation von Kühn etwas Dauerhaftes zum damals noch immer neuen Feld der Klangkunst in Wien etablieren. Die Erste Bank Arena – heute Arena 21 – wurde so zum Schauplatz der TONSPUR 1 von Ulrich Kurt Kühn. Seine Klangarbeit „Organic Movement“ steht am Beginn der Reihe TONSPUR für einen öffentlichen raum – unbedingt mit kleinem r – in der Acht-Kanal-Klangarchitektur von Peter Szely und mit mir als Kurator.
Und wann kam die TONSPUR nach draußen in die Passage?
Nach nicht ganz drei Jahren ging es mit Miki Yuis TONSPUR 16 im Mai 2006 aus dem Innenraum raus in den Hof. Aus der anfänglich täglichen Bespielung der Arena rund um die Uhr wurde schon nach wenigen Monaten die Bespielung auf den Tag reduziert. Ein Grund war, dass zu viele Menschen im Museumsquartier und besonders gern in unserem Klangraum nächtigten. Am Beginn war das MQ ja ein offener Ort ohne verschlossene Durchgänge. Seither und bis heute ist unsere Spielzeit also 10 bis 20 Uhr täglich. Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Arena für Veranstaltungen jeder Art gemietet werden konnte. Nun mussten wir der vereinbarten Auflage gerecht werden, zwar hörbar, aber sonst unsichtbar zu sein. Größere Auf- und Abbauarbeiten für Installationen waren deshalb von Beginn an ausgeschlossen, damit Vermietungen schnell umgesetzt werden konnten. Diese Vorgabe webten wir zu unserem Konzept, nur mit Lautsprechern zu arbeiten. Und die langgestreckte Arena brachte uns darauf, den Raum mit Lautsprechern auf jeder Seite auch akustisch abzubilden. Der Grundriss der Arena hat mich übrigens auch auf das Logo von TONSPUR gebracht.
Das Logo bildet im doppelten Sinne den Weg der TONSPUR ab: die Entwicklung des Projekts und den Weg, der in der Arena durch den Klang genommen werden konnte.
Das kann man gern so sehen. Es passt aber auch zu unserer Passage, in der sich die TONSPUR seit Langem befindet. Die Proportionen müssten leicht anders sein, aber sei‘s drum. Zur Arena hat das Logo, das auf einem Artwork und gleichzeitig Hochzeitsgeschenk von Martin Breindl basiert, eins zu eins gepasst. Breindl hat seine Grafik „Endless Love Song“ bestehend aus einem Notensystem mit zentralem Unendlichkeitssymbol, eingefasst in Wiederholungszeichen aus der Musiknotation, auf meine Bitte hin für unser Projektvorhaben adaptiert und um den in Film und Medien gebräuchlichen Terminus „Tonspur“ erweitert. Dieser ist jedoch – und das ist mir ganz wichtig – gesetzt in Versalien. In „Tonspur“ erkenne ich mich nicht wieder. In „TONSPUR“ sehr wohl. Anschließend hat er ihn durch doppelte Blank Spaces in T O N und S P U R gedehnt und in einen angedeuteten Magnettonband-Streifen montiert und darunter klein und fein und lang gestreckt „für einen öffentlichen raum“ gesetzt. Das kleine r stammt also von Martin Breindl. Diese Grafik begleitet mich persönlich nun schon 25 Jahre und erfreut immer wieder auf‘s Neue meine Augen und Ohren. Ich bin Martin so dankbar für diese sich jedem sofort einprägende Verbildlichung von Klang, der nie ausklingt, nie endet. Sein wunderbares Logo ziert auch seit vielen Jahren als großes Neonkunstwerk die TONSPUR_passage und dient seither unzähligen Selfies als Hintergrund.
Und dass ihr gerade mit acht Lautsprechern arbeitet?
Das hatte einfach damit zu tun, dass es in der Arena acht Wandöffnungen, sogenannte Versorgungsschächte für Verkabelungen gab, vier auf der linken, vier auf der rechten Seite des Raums, schön aufgeteilt. In diese haben wir unsere Lautsprecher unsichtbar verbauen und miteinander verkabeln können. Die 25 Meter lange und zwölf Meter breite Arena hatte durch einen speziellen Akustikputz in ihrem Gewölbe eine richtige Wohnzimmerakustik: Man konnte ganz ruhig und ganz ohne Nachhall sprechen. Es gab darin noch zwei große, auf Rollen montierte und damit verschiebbare begehbare Stauraum-Elemente – spezielles, eigens für das MQ angefertigtes Mobiliar für die bereits geplante Eventnutzung der Arena. Diese haben wir zu einer Handbibliothek und einen Workspace mit Schreibfläche und Stromanschluss umfunktioniert. Unsere Idee war, dass Passanten dort arbeiten und recherchieren und Fachliteratur lesen können. Die Bücher waren scheinbar beliebt, denn sie sind nach und nach abhanden gekommen. 2011 haben wir dann mit der Buchhandlung Walther König im Museumsquartier für eine erstmalige Sichtbarkeit von Klangkunst-Literatur in ihrem Sortiment kooperiert, die TONSPUR_library. Dazu ist eine Literaturliste mit über 200 Titeln entstanden. Leider haben wir versäumt die Bibliographie fortzuschreiben. Seither sind unzählige Titel erschienen, die den weitverzweigten Komplex Klang und Kunst berühren.
Peter Szely ist laut Impressum verantwortlich für die Klangarchitektur.
Die Verteilung von Klang auf mehrere Kanäle und Lautsprecher ermöglicht es, zu einer Raumwirkung zu gelangen. Anders als mit Stereo kann man Räume mit vielen Kanälen akustisch konstruieren. Solche Klangarchitekturen sind Peter Szelys Steckenpferd. Als Klangkünstler und Musiker hat er selbst bei Performances gern mehrkanalig gespielt und sich mit entsprechender Software auseinandergesetzt. Er ist folglich der Klangarchitekt der TONSPUR und arbeitet mit den Künstlerinnen und Künstlern eng für die technische Realisation ihrer Werke zusammen. Seine Erfahrung ist unverzichtbar.
Und deine kuratorische Arbeit ist grundlegend von Klangkunst und Klanginstallationen inspiriert?
Ich hatte bereits Projekte wie die SoundArt ‘95 in Hannover und ein Jahr später das sonambiente–festival für hören und sehen 1996 in Berlin initiiert, die Klangkunst im großen, bis dahin noch nicht dagewesenen Stil vor allem auch im öffentlichen Raum sichtbar machen sollten. Damals war der Begriff ‚Klangkunst‘ noch nicht sehr gebräuchlich. Die Musikwissenschaftlerin Helga de la Motte-Haber, 1996 unsere Partnerin bei sonambiente und als Herausgeberin für das Katalogbuch zum Festival verantwortlich, wollte den Begriff ‚Klangkunst‘ aber unbedingt als deutsches Äquivalent zum bis dato verwendeten Begriff ‚Sound Art‘ etablieren. Ihr folgend benannten wir daher den im Prestel-Verlag erschienenen Katalog genau so: KLANGKUNST. Das großformatige Buch, unterteilt in Künstlerkatalog und Kompendium mit einer detaillierten Chronologie zur Geschichte der Klangkunst im 20. Jahrhundert, galt sogleich als Standard- und bis heute als Referenzwerk und ist sehr rar. Als wir 2003 hier in Wien mit TONSPUR begannen, war ich sozusagen noch in dieser Spur und von der Überzeugung getragen, der Klangkunst mit eigenen Projekt- und Vermittlungsformaten zu immer mehr Präsenz zu verhelfen.
Führte diese Spur zum Terminus Tonspur? Klangkunst beinhaltet ja viel mehr als nur den Ton.
Der Begriff kam mir relativ schnell in den Sinn, als ich die Arena im Museumsquartier betrat, um unser Projektvorhaben zu konzipieren. Ich hatte zu der Zeit die Hoffnung schon fast aufgegeben, in Wien überhaupt mal etwas machen zu können. Ich war ja schon ein paar Jährchen hier und hatte doch gewisse Erwartungen, als ich Berlin nach sonambiente 1996 den Rücken kehrte. Dort war mein sonambiente-Partner Matthias Osterwold mit seinem Verein Freunde guter Musik Berlin äußerst aktiv. Und mein Kuratorenkollege Carsten Seiffarth startete 1996 zusammen mit Markus Steffens die Klangkunstgalerie singuhr.
Wien kannte ich schon aus meiner Zeit als Bühnenbildner am Burgtheater. Damals habe ich auch meine spätere Frau kennengelernt. Also wollte ich hier meine Arbeit mit Klangkunst fortsetzen, womit ich in Hannover und Berlin begonnen hatte. Die Welthauptstadt der Musik sollte in meiner Vorstellung zu einer Metropole auch des Klangs werden.
Tonspur bezeichnet also eher den Wandelgang.
Genau. Der klassische Fachbegriff aus den visuellen und akustischen Medien wird zum Titelgeber des im Museumsquartier beheimateten, aber temporär auch an anderen internationalen Orten präsenten, weltweit einzigartigen Projekts mit wechselnden Klangarbeiten für einen öffentlichen Raum. Um diesen geht es bei unserem Projekt.
In diesem hinterlasst ihr eine Spur aus Tönen.
So ist es. In der Arena kam der ‚TON‘ eher in Sitzhöhe. Es gab eine durchgehende Bankfläche rechts und links im Raum. Legte man sich darauf, waren die Töne dann in Ohrhöhe. Dadurch, dass der Raum aber wirklich eine große akustische Qualität hatte, brauchten wir gar kein aufregendes Equipment: Diese zweimal vier kleinen Lautsprecher haben perfekt funktioniert, um den Raum ‚sprechen‘ respektive lebendig werden zu lassen. ‚SPUR‘ dachten wir auch einfach deshalb, weil klar war, dass man da durchgeht, sich aufhalten, aber auch einfach weiter in den nächsten Raum gehen kann, wo es etwas anderes zu Entdecken gab. Das MQ ist ein idealer Ort für Flaneure.
Das Hören stand also im Vordergrund?
Richtig. Durch die beschriebene, erforderliche Reduktion auf den Lautsprecher als „Fenster zu einer imaginären Welt“, war die Produktion und Präsentation einer Kunst zum Hören quasi vorgegeben. Und der Begriff Tonspur vermittelt das unmißverständlich. Die faszinierenden Möglichkeiten interdisziplinärer Klangkunst in all ihren Formaten konnte ich in diesem Kern unseres Konzept noch nicht anbringen. Sie spielen im späteren Projektverlauf ab 2008 eine Rolle. Da begann ich in Ausstellungen und mit audio-visuellen Interventionen im öffentlichen Stadtraum von Wien erneut die ganze Bandbreite von Klangkunst und von bildnerischem Arbeiten mit Klang in den Blick zu nehmen und tue das bis heute.
Und die Ohren der Passanten und Flaneure rücken dabei unmittelbar in den Fokus.
Ja, diese möchte ich erobern. Man passierte die Arena und passiert heute die TONSPUR_passage automatisch auf seinen Erkundungszügen durch die Metropole Wien. Übrigens hatten wir auch für einige Jahre Dependancen in Berlin, 2009–2012, und in Maribor in Slowenien, 2016–2020. Doch zurück zu unserer Passage in Wien: Der Schriftsteller und Publizist Florian Neuner umschrieb sie kürzlich in seinem TONSPUR-Porträt im Deutschlandfunk poetisch mit „Dem Klang eine Gasse“. Eigens für diesen transitorischen Ort realisieren unsere internationalen KünstlerInnen aller Gattungen computergesteuerte Klangarbeiten. Ihre mehrkanaligen, das übliche Stereobild aufhebenden Kompositionen erschaffen dabei faszinierende Klangarchitekturen und begehbare Tonräume. Diese müssen sich die Menschen erschließen. Das Angebot ist gemacht – übrigens erweitert um großformatige Bildstrecken in früher mit Werbeplakaten gefüllten, beleuchteten Posterboxen. Nun schlägt die Stunde der Rezeption.
Die kuratorische Idee der TONSPUR war zwar ursprünglich Klangkunst, hat sich aber im Laufe der Jahre Richtung Bildende Kunst geöffnet, obwohl Visuelles, wie Du gerade beschrieben hast, in den erstes Jahren ausgeklammert war. Worin liegt diese Verlagerung begründet?
In meiner Karriere als Bühnenbildner, die ich mir autodidaktisch und in wenigen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes bis hin zum Burgtheater erarbeitet habe, wollte ich noch einmal einen Schritt zurück – eigentlich aber nach vorn gehen und mich verstärkt künstlerisch ausbilden. Ich hatte über das Theater den Maler und Theatermacher Achim Freyer kennengerlernt und wurde kurzzeitig sein Assistent. Er war aber auch Professor für Bühnenbild an der Hochschule der Künste in Berlin. Freyers Theaterarbeit ist stark von der Bildenden Kunst, insbesondere der Malerei und dem Raum geprägt. Auch das Studium bei ihm war entsprechend ausgerichtet. Der Besuch von Kunstausstellungen wurde obligatorisch. Hier und auch schon zuvor begegnete ich zudem verschiedenen Theaterformen wie dem Tanztheater von Pina Bausch und Hans Kresnik, dem Bildertheater von Robert Wilson und den Theaterwelten von Peter Brook und Ariane Mnouchkine mit ihrem Théâtre du Soleil. So bestärkte ich mein stetes Interesse an experimentellen Theaterformen und erweiterte es um eine große Neugierde auf Bildende Kunst, zu der ich auch die Klangkunst rechne – auch wenn diese gern stärker in der Musik verortet wird.
Wie ist die Gewichtung von Musik und Kunst bei Dir persönlich?
Ich liebe Musik und gehe sehr in Musik auf, aber das, was mich fasziniert und inhaltlich sehr reizt, ist die Bildende Kunst mit besonderem Augenmerk auf die Verwendung des Materials Klang. Das seinerzeit nicht geplante zweite sonambiente-Festival in Berlin – zehn Jahre nach dem ersten Festival – entstand vor diesem Hintergrund. In diese Ausgabe wollten wir verstärkt bildende Künstler aufnehmen, die im Klangkunst-Kontext keine Beachtung fanden. Gleichzeitig taten sich die Klangkünstler schwer, außerhalb von thematischen Festivals in der Kunstwelt zu reüssieren und Sichtbarkeit zu erlangen. Diese Form der ‚Ghettoisierung‘ wollten wir aufbrechen, was uns meines Erachtens auch ganz gut gelungen ist. Dies ist auch gut im Katalogbuch sonambiente berlin 2006 – klang kunst sound art nachzuvollziehen, das bei Kehrer erschienen ist. Für mich persönlich habe ich diesen offenen Ansatz bis heute in der Zusammenstellung von Programmen und Ausstellungen beibehalten und bin damit sehr glücklich.
Es gibt im Museumsquartier Passagen zu Literatur, zu Typografie, zu Cartoon und Comic und einige mehr. Aber am Anfang stand die dem Klang gewidmete TONSPUR_passage.
So ist es. Nach unserem Umzug nach draußen entstanden sukkzessive, initiert durch den schon genannten Vitus Weh, weitere bestimmten Kunstfeldern gewidmete Themenpassagen. Später entstand sogar ein eigener Folder zu allen sieben Passagen. Einige davon sind heute verschwunden, wie die zur Street Art oder die sogenannte Brückenpassage. Andere wie die Sternenpassage und die Performance Passage, initiiert durch das Tanzquartier Wien, sind hinzugekommen. Und die MQ Administration vermarktete diese Passagen dann nach einigen Jahren und viel geleisteter programmatischer Arbeit jeder einzelnen Passage als Mikromuseen. Unter der jetzigen MQ-Leitung wurde diese wertschätzende Bezeichnung leider wieder getilgt. Ich habe darauf beharrt, das die TONSPUR_passage weiterhin das Micro Museum for Sound bleibt. Sie verdient diesen Namen. Es macht keinen Sinn, Begriffe anlasslos zu ändern. Nicht nach 2015, als wir zu einer Körperschaft wurden, nämlich TONSPUR Kunstverein Wien mit dem Mikromuseum der TONSPUR_passage als Hauptschauplatz unserer Aktivitäten. In den ersten Jahren war TONSPUR das Projekt von zwei Einzelpersonen, Peter Szely und mir. Wir haben unsere Initiative zu Beginn eher als klangkünstlerische Setzung verstanden.
Im Laufe der Zeit wurde aber dazu dann eine siebenteilige Bildstrecke in der zwischen Hof 7 und Hof 8 gelegenen Passage entwickelt, sodass sich die Verweildauer der Passierenden womöglich verlängert.
Exakt. Seit wir die TONSPUR_passage sozusagen audiovisuell bespielen können, wurde eine schöne Verbindung zwischen Auge und Ohr geschaffen, die die Wahrnehmung der Passage verändert. Dass wir sogar über eine Sitzgelegenheit in diesem Durchgang verfügen, in dem sich aus feuerpolizeilichen und sicherheitsrechtlichen Gründen eigentlich kein Mobiliar befinden darf, haben wir Friederike Mayröcker zu verdanken, für die ich übrigens in den nächsten Jahren ein akustischen Denkmal in Wien realisieren möchte. Sie hatte mir 2009 gesagt, „sie macht nur was zum Hören für uns, wenn sich das Publikum auch hinsetzen kann“. Aufgrund ihrer Prominenz habe ich dann noch in der ersten Direktion von Wolfgang Waldner durchsetzen können, dass in diesem Durchgang, eine von mir selbst gebaute exakte Replik der MQ-Steinbänke aus Holz platziert werden konnte, die ich später mit schwarzem Nadelfilz tapeziert habe. Unsere Passage ist damit die einzige, in der man sitzen und verweilen kann. Sie verfügt über eine entsprechende Nische in der Architektur – das war unser Glück.Bodo Hell und Friederike Mayröcker
Und zu den beiden herkömmlichen Pollern, die ein Durchfahren mit Fahrzeugen verhindern sollen, gibt es auch eine Geschichte.
Das ist ein Herzensprojekt. Ich habe seit vielen Jahren ein Konzept und auch eine Visualisierung dafür im Kopf, das jedoch von der Behörde genehmigt werden muss, und das macht es etwas kompliziert. Diese beiden ordinären Poller aus Metall am Ein- und Ausgang der Passage sind in meiner Vorstellung metallisch-spiegelnde Skulpturen in Form einer Stimmgabel, die als solche auch funktionieren würden. Das heißt, sie beginnen auch zu schwingen, wenn man sie mit dem Finger oder vielleicht mit dem Feuerzeug oder einem Stift anschlägt. Eine Firma, die diese überdimensionalen Stimmgabeln herstellen würde, habe ich seit Jahren. Ich denke, das sollte in der Stadt der Musik allein der Optik wegen umgesetzt werden. Es geht ja darum, einem sehr breiten, überhaupt nicht homogenen Publikum hier im Museumsquartier, in das jährlich Millionen von Menschen strömen, Klang zu vermitteln. Noch ist der Zeitpunkt ihrer Umsetzung jedoch nicht gekommen.
Diese hinterleuchteten Schaukästen aus der analogen Zeit des MQ repräsentieren mit den jeweiligen Bildstrecken eure „Passagengalerie“.
Ja, und es war Guerillataktik, mit der ich sie mir erarbeitet habe. Nachdem niemandem aufgefallen war, dass ich den ersten Schaukasten einfach mit einem Poster von uns bestückt hatte, installierte ich bei der nächsten TONSPUR ein Folgeplakat in den zweiten Schaukasten, darauf ein Passagenfoto, der Künstlername, sehr groß die TONSPUR-Ziffer und der zweisprachige Werktext. So sollte deutlich werden, dass hier Kontinuität herrscht, sich eine Reihe fortsetzt. Erst beim vierten oder fünften Plakat fiel es der Geschäftsleitung dann auf. Immerhin aber bekam ich die Erlaubnis für das eigene Befüllen der drei Posterboxen über der Sitzbank in der besagten Nische. Die Idee der fortlaufenden Plakatserie über alle Boxen musste ich vorerst aufgeben.
Wie ging es dann weiter?
Der Künstler William Engelen fragte, ob er eigene Plakatmotive passend für seine TONSPUR 32 vorschlagen könne, in der es um seine „Klavierlehrerin Fräulein Grosch“ ging. Gefragt, getan. Bald darauf kam dann John Oswald aus Kanada für die TONSPUR 34, dem ich gesagt habe, dass er diese drei Posterboxen auch noch gestalten müsse und seine Antwort war: „Drei Plakate machen überhaupt keinen Sinn. Entweder gestalte ich etwas für alle sieben Posterboxen oder für gar keine!“
Oh! Was ist daraus geworden?
Naja, ich war wieder vor eine Herausforderung gestellt. Ich musste erneut bei der Administration vorsprechen und mit den Entwürfen dieses sehr prominenten Künstlers dessen Wunsch vermitteln. Die Genehmigung ist aus heutigem Blickwinkel erstaunlich, denn es waren nackte Menschen inklusive Kinder zu sehen. Seitdem gibt es unsere Passagengalerie, die siebenteilige Bildstrecke, die jeweils zu den Klangarbeiten entsteht. Oftmals stellt diese Aufgabe für die Klangkünstler auch eine Herausforderung dar, wenn sie hauptsächlich mit akustischem Material zu arbeiten geübt sind. Dann unterstützt sie unser genialer Grafiker Dieter Auracher. Aber der Bekanntheit der TONSPUR hat die Passagengalerie enorm genützt, da das Auge doch immer noch aufmerksamer ist als das Ohr. Passenderweise liegt die TONSPUR_passage in direkter Nachbarschaft zum Volkstheater Wien und wird passiert, wenn man von dort in den Haupthof gelangen will. Es ist die zweitfrequentierteste Passage in diesem großen Kulturareal nach der Haupteingangspassage im Zentrum des MQ. Trotzdem war bei Entstehen der Passage im Jahr 2006 die MQ-Leitung der Meinung, die Passage bräuchte neben den TONSPUR-Arbeiten auch eine permamente visuelle Komponente – die Posterboxen waren ja damals der Werbung vorbehalten – sonst würde sie übersehen und überhört. Vitus Weh machte dann entsprechende Vorschläge.
Und so kam es zu Ester Stockers Bearbeitung der Wände?
Von KÖR – Kunst im öffentlichen Raum Wien wurden drei Künstler mit Entwürfen für die TONSPUR_passage beauftragt. Wir durften dann zum Glück auch mitentscheiden und wählten das „Wandbild Nr. 10“ von Ester Stocker, einer gebürtigen Südtirolerin, die heute zu den bekanntesten österreichischen Künstlerinnen gehört. Ihr Entwurf hatte einfach den offensten Charakter. Sie hat auf die weiß ausgemalte Passage schwarze Rasterelemente aufgemalt und ja, wer sich jetzt ein bisschen auskennt, assoziiert das relativ schnell mit einer Notation und das hat gut gepasst. Ich habe auch durchsetzen können, dass nur das Gewölbe gestaltet wurde und die Wände rechts und links, auf denen unsere weißen BOSE-Lautsprecher installiert sind. weiß blieben. Esther Stockers Mural ist die nicht wegzudenkende visuelle ‚Signation‘ der TONSPUR_passage.
Die verbliebene große weiße Wand mit drei eurer Lautsprecher wurde aber auch einmal für die Tonspur gestaltet.
Es gab eine temporäre Wandmalerei von Georg Klein. In seinem Konzept frei nach Wassily Kandinskys handlungsloser Bühnenkomposition „Der gelbe Klang“ aus dem Jahr 1909 sollte der Raum insgesamt nicht nur eine Klanglichkeit haben, sondern auch die entsprechende Farbigkeit erhalten. Die große weiße Wand habe ich dann eigenhändig in einem strahlenden Gelb bemalt. Der Farbton wurde übrigens Kandinskys Bild „Improvisation 10“ entnommen. Wir durften sogar die Beleuchtungsfarbe ändern. Das bedarf einer Genehmigung, weil weißes Licht im öffentlichen Raum vorgeschrieben ist. Auch die Schaukästen wurden für Kleins TONSPUR 56 „Der gelbe Klang“ gelb illuminiert und von ihm mit einer gelben Bildstrecke versehen.
Mehrere solche Bespielungen würden allerdings wahrscheinlich Grenzen erreichen.
Ja, im Regelfall habe ich das unterbunden. Das Konzept von Georg Klein überzeugte mich aber, eine Ausnahme zu machen. Die visuelle Komponente seiner Arbeit zu Kandinskys Gesamtkunstwerk, das eine bedeutende Wegmarke frühzeitiger Auseinandersetzung mit Musik, Farbe, Licht und Bewegung ist – heute als Syästhesie verstanden – durfte hier einfach nicht fehlen.
Beanspruchten auch andere KünstlerInnen mehr als die üblichen Möglichkeiten von TONSPUR?
Die größte Ausnahme machte ich eindeutig für einen der Pioniere der Minimal Music, den Amerikaner Charlemagne Palestine im Jahr 2016. Er wollte eine seiner raumgreifenden Installationen als TONSPUR 72 umsetzen, also musste er hier mit seinen typischen farbigen Stoffen arbeiten können, mit seinen Plüschtieren, die er „Divinities“ nennt – Gottheiten, seinen Verfremdungen, die bei uns bedeuteten den Lautsprecher Gesichtern zu geben und ihnen Kopftücher und Schals umzuhängen, seinen experimentellen Videos, die anstatt der sieben Plakate auf Monitoren Einzug in unsere Schaukästen hielten, und seinen Disco-Kugeln, die bis heute hier hängen und heiß geliebt werden. Diese aufwendige Intervention mit dem sagenhaften Titel „MiniMeshuggahhTonspurLaandtttt!!!“ konnte Charlemagne dabei bedauerlicherweise gar nicht selbst betreuen, weil er damals schwer krank wurde und er nicht als 63. TONSPUR-Artist-in-Residence des Museumsquartiers nach Wien kommen konnte. Das war stellvertretend sein Assistent Lionel Hubert. Stand jetzt im August 2026 sind wir übrigens bei 94 eingeladenen und betreuten Gastkünstlern in 23 Jahren.
2023 konnte ich endlich auch Charlemagne Palestine als Artist-in-Residence nach Wien bringen, für eine der ersten Installationen in unserem neugeschaffenen Schauraum, dem TONSPUR_display. Palestine hat hier ironisch von einer ‚No-TONSPUR‘ gesprochen, da er auf den Einsatz von Sound aufgrund der ‚Mission‘ des Displays verzichten musste; so wie zuletzt Clara Oppel, Sabine Groschup, Juliana Herrero, Esther Stocker, Arye Wachsmuth/Simon Wachsmuth, Leo Schatzl, Helena Wikström und aktuell die Klasse Ursula Neugebauer, und demnächst im Dezember auch der österreichische Medienkünstler Thomas Feuerstein, der bereits die 19. Bespielung des TONSPUR_displays bestreiten wird.
Was waren weitere Sonderfälle und bieten sich für diese große weiße Wand nicht auch Projektionen an?
Temporär wurde für Festivals und einige Abendveranstaltungen im MQ schon auch mal mit Projektionen gearbeitet. Beispielsweise beim MQ-Projekt „Passagen Passagiere“. Da transformierten die Künstlerinnen Sabine Groschup und Veronika Schubert unter dem Titel „Smalltalk“ mit riesigen hängenden und mit (Tonspur)Worten bestickten Stoffen und mit Animationen den Passagenraum. Auch die Autorin Esther Dischereit wollte für ihre TONSPUR 63 mit Video arbeiten. Für sie habe ich dann die Posterboxen erstmals mit Monitoren bestückt. Mir gefällt es übrigens, Positionen aus der Literatur ausfindig zu machen, wo Autoren zu Klangkünstlern werden. Gerhard Rühm stand da noch vor Friederike Mayröcker & Bodo Hell und deren TONSPUR 35 zu Robert Schumann am Beginn. Er konzipierte bereits 2008 die TONSPUR 25 mit einem unserer schönsten Titel – „Paradiesische Passage“. Diese Arbeit war textbasierend, wobei hier nicht Deutsch zum Zug kam, sondern Esperanto, gesungen von einem Frauenchor und begleitet von Gerhard Rühm an der Celesta, das gerne als „himmlisches Tasteninstrument“ beschrieben wird.
Hier schließt sich nun eine Klammer zur Gegenwart und einer aktuellen Großproduktion in der Reihe der TONSPUR_interventions.
Das stimmt. Für und mit Gerhard Rühm, dieser Legende der österreichischen Nachkriegs-Avantgarde, konnte ich „wort für wort – totale rezitation der allgemeinen erklärung der menschenrechte“ realisieren. Es handelt sich um die aufwendige Bearbeitung einer achtstündigen Tonaufnahme vom 22. Februar 2025 als über 1000 Menschen Wort für Wort „dieses bedeutendste Manifest der Menschheit“, so Rühm, vor dem Volkstheater Wien in ein Mikrofon einsprachen, im Bewusstsein demokratischer Werte, die es mehr dann je zu verteidigen gilt. Diese gemeinsame Produktion von TONSPUR Kunstverein Wien und Ö1 Radio, ermöglicht durch KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien und dem Kulturministerium, wurde am 10. August 2026 im Radio uraufgeführt und ist im Format der Acht-Kanal-TONSPUR als Weltpremiere noch bis Mitte September vor dem Weltmuseum Wien auf dem Heldenplatz zu hören – ein Platz größter Ambivalenz und bedeutender Ort österreichischer Erinnerungskultur. Am 19. und 20. September steht dann bereits dessen Deutsche Erstaufführung zur Wiedereröffnung des Schauspiel Köln an. Und für den Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember erhielten wir gerade eine Einladung für „wort für wort“ nach Frankfurt am Main, vielleicht auf den Vorplatz der Frankfurter Paulskirche. Das wäre nach dem Heldenplatz in Wien und dem Offenbachplatz in Köln eine mehr als angemessene Fortführung.
Die Grundidee der TONSPUR hat sich über die zwei Jahrzehnte zu einem Organismus entwickelt, von drinnen nach draußen, von der Reihe zu einem Geflecht von Kooperationen und Initiationen sowie regelmäßigen Sammlungspräsentationen über Österreich hinaus. Durch die Haltung, immer wieder neue Künstler in die Reihe einzuladen, und nun auch Kuratorinnen und Kuratoren in das Programm miteinzubeziehen, entwickelt sie sich stetig weiter, und gleichzeitig entsteht auf tonspur.at eine Art Klangkunst-Archiv.
Mir war und ist wichtig, diese Offenheit zu bewahren und programmatische Arbeit nicht zu scheuen. Peter Szely, der gerade den österreichischen Filmemacher und Künstler Edgar Honetschläger wieder sehr engagiert für die aktuelle TONSPUR 97 unterstützt hat, in der es um das massenhafte und rasante Sterben von Insekten aufgrund verschwindender Lebensräume geht, ist da vorsichtiger, oft zu Recht: der betriebene Aufwand steht ja nicht im Verhältnis zum Finanziellen. Klar muss man die Wirtschaftlichkeit auch sehen, aber das ist nicht vordergründig mein Verständnis von kuratorischer Arbeit. Die ist anstrengend, aber macht mir eben auch nach über 30 Jahren noch immer Freude. Ich habe noch so einiges vor: in den nächsten Wochen eine Gedenkinstallation für den in diesem Frühjahr verstorbenen Totalkünstler und Freund Timm Ulrichs, der übrigens 2012 für unseren temporären Spielort auf dem Schlossplatz zu Berlin, die TONSPUR 55 „Einigkeit und Recht und Freiheit“ gestaltet hat; die TONSPUR für und mit Laurie Anderson anlässlich Ihres 80. Geburtstags 2027; ein Festival in der Weltkulturerbe-Region Wachau in Niederösterreich; und die Schaffung des Max Neuhaus Awards im schweizerischen Lugano, dem Sitz der gerade entstandenen Max Neuhaus Association, in enger Zusammenarbeit mit Neuhaus‘ Witwe Silvia Cecere-Neuhaus. Und dann habe ich da noch die Vision der „23 Sound Works for the City of Music Vienna“ – permanent installiert in je einer Passage in den 23 Wiener Gemeindebezirken.
DJ Spooky aka That Subliminal KidNur die TONSPUR entwickelte, anders als die anderen Passagen, aus sich heraus zusätzliche Sonderformate.
Unter dem programmatischen Projektnamen TONSPUR für einen öffentlichen raum entstehen bis heute die durchnummerierten Stücke. Es kamen Sonderformen hinzu, zum Beispiel im Bereich von Kooperationen, oder auch ein Stück, dass Beitrag eines externen Festivals war und nur für eine Woche gespielt wurde. So etablierte ich nach und nach unterschiedliche Begrifflichkeiten, immer in Verbindung mit unserem Kurztitel TONSPUR, folgend von einem Unterstrich und dem jeweiligen Wortanhängsel, beispielsweise TONSPUR_collaboration – kürzlich mit Fulbright Austria für die TONSPUR 96 „Democracy. A Composition“ und weitere Projekte mit der New Yorker Legende Paul D. Miller aka DJ Spooky that Subliminal Kid. So enstanden TONSPUR_interruption für Kurzzeitprojekte, TONSPUR_spezial für die „Schimpfarena“ von Julius Deutschbauer oder auch die TONSPUR_record_edition mit jedoch erst zwei Produktionen von Arturas Bumšteinas zum Jahrhundert-Kantor Jakob Bauer und Arsenije Jovanović mit „The Art of Speech (TONSPUR 77) und weitere Kürzel mehr.
… und TONSPUR_expanded.
Das gab es bereits erstmals 2008 und fasst unsere thematischen Gruppenausstellungen zum Klang in der Kunst, zum Lautsprecher in der Kunst und zum Kabel in der Kunst zusammen. Im vergangenen Jahr konnte ich im schweizerischen Porrentruy endlich auch mein Expanded-Konzept einer stillen, aber inhaltlich sehr geräuschvollen Ausstellung umsetzen: „silencieux ∞ TONSPUR_elargi“. Als TONSPUR_tribute ist 2012 eine große Ausstellung zum 100. Geburtstag von John Cage entstanden, der für die Künste im allgemeinen, aber vor allem für die Klangkunst eine Art geistiger Vater ist. Die von Jozef Cseres und mir kuratierte Schau „Membra Disjecta für John Cage. Wanting to Say Something About John“ mit über 60 KünstlerInnen war in Wien, Prag und Ostrava zu sehen, begleitet von einem schönen Katalogbuch. Last but not least darf auch die Ebene TONSPUR_live nicht vergessen werden, in der wir seit 2003 bald an die 200 Performances, Konzerte, Lectures, Live-Open-Airs und andere Formate wie etwa die TONSPUR_live_sets in times of Covid-19 realisiert haben. TONSPUR_live ist ein eigenes, sehr umfangreiches Projektkapitel, das leider auf unserer Webseite unzureichend abgebildet wird. Da besteht dringender Handlungsbedarf.
Die TONSPUR_passage präsentiert neben der nummerierten Reihe inzwischen auch Stücke, die dem Alphabet folgend gereiht und produziert werden.
Ich komme mit meiner eigenen Kuratierung bald an ein selbst gewähltes Ende mit der TONSPUR 100, oder vielleicht 101 oder 102 und möchte den entstandenen TONSPUR-Kosmos dann in Buchform dokumentieren. Die Sammlung aller entstandenen Acht-Kanal-Arbeiten soll parallel in Form einer Edition als TONSPUR_collection an internationale Museen vermittelt werden. Mit dem ZKM in Karlsruhe stehen wir dazu bereits seit Längerem in engem Austausch.
Gleichzeitig möchten Peter und ich noch weiter produzieren. Deshalb habe ich 2022 eine neue Reihe ins Leben gerufen, die parallel zur Hauptreihe läuft: TONSPUR_curated by. Hier produzieren und präsentieren wir künstlerische Positionen, die von Künstler- und Kuratorenkollegen vorgeschlagen werden. Jozef Cseres hat den Anfang gemacht und den tschechischen Komponisten Tomáš Vtípil als TONSPOUR A kuratiert. Inzwischen stehen wir auch schon vor der TONSPUR J der britischen Klangkünstlerin Olivia Louvel. Sie wird zum Abschluss unseres 23. Programmjahres im November von Kersten Glandien kuratiert, die wiederum das Festival Sound Art Brighton in England ins Leben gerufen hat.
Und es gibt eine weitere Reihe mit Stücken, die in Solidarität für die Ukraine entstehen.
Das ist ein trauriges Kapitel. Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine bereits im Jahre 2014 und die weitere Eskalation mit der Vollinvasion der Ukraine durch Russland im Februar 2022 haben auch uns Kulturakteure herausgefordert, sich mindestens solidarisch mit der Ukraine zu zeigen. So entstand noch im Frühjahr 2022 „Together Together Together“ von Robin Rimbaud aka Scanner als TONSPUR FOR UKRAINE. Kuratorisch war mein Plan – sollte die Aggression Russlands und damit der Krieg vor unserer Haustür in der Ukraine anhalten –, dieser fürchterlichen Trägödie jährlich ein Stück zu widmen. Ganz bewusst habe ich mich entschieden, KünstlerInnen anderer Nationalitäten zu diesem Akt der Solidariät einzuladen – zuletzt Studierende der Klasse von Ursula Neugebauer an der Universität der Künste in Berlin. Diese bereits fünfte TONSPUR FOR UKRAINE ist ein eindrucksvolles zweiteiliges Werk mit dem Titel „Klavierkonzert“. Während das entstandene Video in unserem Showroom TONSPUR_display ohne Ton auf die beiden großen Glasflächen projiziert wird, ist in der TONSPUR_passage der Sound zu hören, ergänzt durch die obligaorische siebenteilige A1-Bildstrecke, die Objekte zeigt, mit denen die Studierenden Klänge auf dem verwendeten Steinway-Flügel produziert haben, darunter eine Axt, die gleichzeitig auch das Hauptsujet zu dieser TONSPUR ist und wie bei jeder Produktion als Postkarte publiziert wurde. Nach den fünf entstandenen Stücken FOR UKRAINE habe ich mir vorgenommen, im nächsten Jahr ein Stück FROM UKRAINE zu produzieren und dafür eine/n ukrainischen Kunstschaffende/n nach Wien einzuladen. Ich wünsche mir so sehr, dass das eine einmalige Produktion bleibt!
Ein Auszug des Artikels ist erstmals erschienen auf www.musicaustria.at.

Wien sollte zu einer Metropole auch des Klangs werden
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Wir müssen mit unseren Festivals und Kunstinstitutionen neue Wege denken
Der Carinthische Sommer weht mit Vergangenheits- und Zukunftsahnungen auch außerhalb des Festivalsommers durch Kärnten und darüber hinaus. Mit ihrem inneren Leitsatz Musik – Literatur – Diskurs konzipiert Nadja Kayali das diesjährige Festival vom 2. [...]
Manchmal muss man auch auf den Punkt kommen
Der Komponist und Bratschist Alexander J. Eberhard kommuniziert am liebsten durch seine Musik und weicht ganz gern auf die anerkennende Beschreibung anderer MusikerInnen und KünstlerInnen aus. Doch mit entsprechender Ausrüstung gleicht ein Gespräch mit [...]




















