Nadja Kayali

Wir müssen mit unseren Festivals und Kunstinstitutionen neue Wege denken
Der Carinthische Sommer weht mit Vergangenheits- und Zukunftsahnungen auch außerhalb des Festivalsommers durch Kärnten und darüber hinaus. Mit ihrem inneren Leitsatz Musik – Literatur – Diskurs konzipiert Nadja Kayali das diesjährige Festival vom 2. Juli bis 2. August von fern&nah.
Der Carinthische Sommer ist mir im Mai im Veranstaltungskalender des Musiksalon Wien begegnet. Da gastierte die Geigerin Judith Fliedl mit einem Experimentalkonzert, worin sie zusammen mit Gerd Kühr für das Festival ein Werk erarbeitet.
Judith Fliedl war mit der Frage an mich herangetreten, ob ich mir vorstellen könnte, im Rahmen des Carinthischen Sommers ein Projekt zu ermöglichen, dass darin besteht, ein Stück, das Gerd Kühr schreibt, mit Publikumsbeteiligung zu entwickeln und außerdem zu schauen, wie man gemeinsam mit Neuer Musik einen Abend kuratieren und damit Neue Musik auch besser zugänglich machen kann. Es soll also nicht nur eine Uraufführung, sondern tatsächlich eine Begleitung dieses Projektes geben. Daher war am 7. Mai ein Musiksalon, den ich ja auch co-kuratiere und jährlich eine Koproduktion mit dem Carinthischen Sommer organisiere, mit einem im Prozess befindlichen Stück von Gerd Kühr. Wir konnten also schon in einen fortgeschrittenen Zustand von Publikumsbefragung zu etwas Speziellem kommen. Ich mag es, solchen musikalischen Experimenten Raum und jungen, hochprofessionellen MusikerInnen die Chance zu geben, etwas auszuprobieren. Judith Fliedl ist ja nicht nur Musikerin, sondern auch Forscherin – somit repräsentiert sie eine Ebene von Diskurs mit, die bei meinem Festival immer mitschwingt.
Es schwingt auch das Miteinander in Ihrer Arbeitsweise mit. Themen ineinandergreifen zu lassen und auf viel mehr als nur einer Ebene in Begegnung und Verzahnung zu bringen, erzeugt eine Komplexität, die doch eine innere Eignung erfordert, da mitschwingen zu können, oder?
Das glaube ich fundamental nicht. Sie beschreiben, was sich in der Tiefe, in der Wurzelebene bewegt. Was da herauswächst, ist viel einfacher: Blätter, Blüten, Stämmchen, die auch für sich schon schön anzusehen sind und Freude bringen. Man muss nicht zwingend bemerken, wie sehr sie unterhalb miteinander verbunden sind. Das ist der Versuch einer Komplexität bei gleichzeitiger Einfachheit.
Kunst und Kultur auf Schiene bei der Westbahn lassen wieder einen ganz neuen Draht erglühen. Ist das ein weiterer Versuch, die Öffnung hin zu einem breiteren Publikum zu ermöglichen? Schiene und Zug verkörpern so exemplarisch Verbindung und Bewegung über Schwellen.
Für uns war natürlich die Eröffnung des Koralmtunnels dieses Jahr eine riesige Geschichte. Zum ersten Mal sind wir mit der Steiermark verbunden und brauchen jetzt von Villach nach Graz mit dem Zug nur mehr eine Stunde. Das heißt, jeder und jede kann nach dem Konzert aus Villach wieder nach Graz nach Hause fahren. Das öffnet neue Möglichkeiten. Außerdem haben wir ja noch dazu die Westbahn. Der Industrielle Hans Peter Haselsteiner, dem die Westbahn gehört, ist einer, der Kunst und Kultur ermöglicht. Er wollte die Außenwände der Westbahn kulturell gestalten. Folglich fährt sie jetzt mit einem Carinthischen Sommer Waggon, aber es gibt auch Ensemble Porcia, Künstlerstadt Gmünd, das Bachmannhaus, das Museum Liaunig – wir zeigen mit Zügen, die durch Österreich fahren, was wir alles in Kärnten an toller Kunst zu bieten haben.
Der Carinthische Sommer als Ganzes umgreift immer mehr.
Ja und nein. Ich bin mit dem allem nicht in eine Expansion, sondern in Kooperationen gegangen.
Es geht nicht ums Vergrößern, aber ums Verbinden?
Das ist manchmal nicht ganz einfach, weil es für viele ein fremdes Konzept ist. Aber ich glaube, es ist das Konzept der Zukunft.
Zukunft! Das Wort, dass sich mir innerlich an die Überschrift ‚Dritter Festivaljahrgang‘ geheftet hat: Der Fokus von Komponistinnen und Musikerinnen auf der Bühne, die Unterstützung junger Ensembles und experimenteller Formate, die Begegnung von Alter und Neuer Musik, der kategorienlose Umgang mit Musik an sich. Und der Einbezug angrenzender und nicht angrenzender Länder, nicht als Exotismus, sondern zum Öffnen des Horizontes.
Und wenn man will, kann man die Motti der drei Jahre Persönlich – Bewegt – fern&nah zusammenschreiben.
Warum drei Jahre?
Ach, das vierte wird auch dazu passen. Ich weiß es schon.
Der literarische Schwerpunkt liegt dieses Jahr natürlich auf Ingeborg Bachmanns 100. Jahrestag …
Natürlich ist dieses Jahr die Bachmann wichtig. Deswegen gibt es gleich mehrere Projekte mit ihr: einmal den Briefwechsel mit Paul Celan in Form einer Koproduktion mit dem Theater in der Josefstadt seiner neuen Intendantin Marie Rötzer, einen Bachmannabend mit Birgit Minichmayr und Helene Glüxam und einer Musikfarbe, von der ich glaube, dass sie für die Bachmann-Rezeption sehr spannend ist, weil der Kontrabass so sehr in die Tiefe geht und Helene Glüxam mit ihrer eigenen Stimme ein zartes, brüchiges Element mit hineinbringt. Dieses Zusammenspiel von Birgit Minichmayr und Helene Glüxam, die ja gerade mit ihrem Instrument und ihrer Stimme solistisch neue Wege geht, verheißt eine sehr tolle Kombination, Bachmanns Texte auf einer anderen Ebene zu transportieren. Außerdem ist Wolfgang Suppan beauftragt, einen Bachmanntext zu vertonen, was im Kärntenmuseum mit der Company of Music uraufgeführt werden wird.
Eröffnet wird der Carinthische Sommer literarisch-musikalisch aber mit einem persischen Bezug.
Wir haben in Wahrheit einen Iran-Fokus, obwohl ich mir zur Zeit der Planung nicht vorstellen konnte, dass es derart aktuell sein würde. Wir starten das Eröffnungskonzert mit einem Werk, das nie in Österreich gespielt wurde, obwohl es mehr als 100 Jahre alt ist: Les heures persanes von Charles Koechlin. Er ist auch ein Komponist, den man bei uns kaum kennt, der aber wunderbare Musik geschrieben hat, die sehr filigran und nicht dramatisch ist, auf die Klangfarben abzielt und eine besondere Atmosphäre bietet. Die Musik basiert auf dem Roman von Pierre Loti, der 1904 eine Reise nach Iran durch die Wüste zur Rosenblüte nach Isfahan unternahm. Das klingt exotistisch und ist es auch. Also wie geht man mit einem solchen Text und der Musik um, die sich auf diesen Text bezieht, meiner Meinung nach aber nicht exotistisch ist? Petra Morzé, eine westliche Frau, wird diesen Text lesen. So eine Reise war einer westlichen Frau in der damaligen Zeit kaum möglich und ist es bis heute kaum. Man könnte versuchen, sich zu fragen, was es bedeutet, dass eine Frau diesen Text liest und wie das zusammenpasst. Und ich habe Golnar Shahyar, eine unserer beiden Festival Artists und Mahan Mirarab eingeladen, vor dem Konzert des Orchesters einen aktuellen Impuls zu setzen. Das ändert sich derzeit noch im Prozess, weil die beiden genau darauf eingehen werden, was gerade im Iran passiert. Aber vielleicht entsteht ein Bezug auf ganz anderer Ebene und wird gar nicht so politisch, wie es gerade klingt.
Es gab in der romantischen Musik einen Exotismus, der ja nur funktioniert, wenn er als Attraktionsmerkmal Aufmerksamkeit erfährt. Das ist im Falle von Koechlins Les heures persanes nicht passiert. Wie kann eine iranisch-österreichische Künstlerin wie Golnar Shahyar darauf reagieren?
Der Prozess, den Golnar und ich dafür durchlaufen haben, war nicht ohne Spannungen. Aber darum geht es ja, und auch darum, wirklich die richtige Form zu finden, um ein breites Verständnis zu ermöglichen. Diese Musik ist nicht provozierend. Daher macht es keinen Sinn, in sie hineinzugehen und sie zu bearbeiten. Der Text hat natürlich eine exotistische Ebene, daher gehört er anders bearbeitet. Diese Art, mit Musik und Text umzugehen, bleibt immer ein Experiment, auf das man sich einlassen muss.
Die Suche nach einem Umgang mit solchen Gegebenheiten, um deren Essenz habhaft zu werden. Woran lässt sich der Iran-Fokus noch ablesen?
Heuer sind Golnar Shahyar und Anna Anderluh Festival Artists. Ich bin komplett weggegangen von der Konvention klassischer Festival Artists und habe zwei Frauen aus fern und nah in den Mittelpunkt gerückt, mein Doppelmotto also auch auf zwei Festivalartists gelegt. Die in Graz lebende persisch-deutsche Schriftstellerin Nava Ebrahimi, die sogar für den deutschen Buchpreis nominiert und auch Bachmannpreisträgerin war, habe ich gebeten, eine Episode aus dem Buch der Könige, dem Schahnameh, mit ihrer Sprache und Gedankenwelt in die Gegenwart zu heben und dann melodramatisch mit der Band Kurdophone an einem Abend zu performen. Kurdophone ist eine kurdisch-persisch-österreichische Band, in der auch Helene Glüxam mitspielt. Außerdem gibt es noch einen Auftrag zur Vertonung an Sarvenaz Safari für Akkordeon und Sopran über einen Text von Saadi, einem persischen Schriftsteller, der im 13. Jahrhundert den Rosengarten – Golestan – geschrieben hat, ein Vademecum, ein literarischer Lebenshelfer. Es gibt darin diese Passage über das Einatmen und das Ausatmen, die ich auf meinem Weg nach Iran im Jahr 2000 auswendig gelernt und seither nicht mehr aus der Erinnerung verloren habe.
Die literarischen Vorlagen entspringen Ihrer Kuration?
Meistens. Das Eröffnungskonzert habe ich komplett kuratiert. Es war mir bereits seit sehr vielen Jahren durch den Kopf gegangen und ich wusste: Das wird niemand anderer zur Aufführung bringen. Immer hatte ich das RSO mit diesem Werk im Ohr. Und ich dachte mir, in einem Eröffnungskonzert kann man auch etwas weniger Bekanntes programmieren. Der Vorschlag zu Schahnameh kam aber von Kurdophone. Es entstehen oft Dinge gemeinsam bei der Programmierung, vieles denk ich mir aber auch selbst aus. Ich kann relativ schnell mit Vorschlägen umgehen und weiß sofort, ob sie zum Gesamtkontext passen oder nicht.
Entstehen viele Reibungen bei dieser Art der Programmierung?
Eigentlich geht das ziemlich im Flow. Zum Beispiel empfahl mir das mica in Wien das Duo Siedl/Cao, das mit Äolsflöten und Windharfen durch Villach und den Naturpark Dobratsch wandern wird. Solche poetischen Projekte gefallen mir total! Aber wir bekommen mittlerweile wahnsinnig viele Anfragen und wir sind immer noch so ein Mini-Team, dass wir es nicht schaffen, alle zu beantworten. Das erweckt manchmal einen falschen Eindruck.
Wie hat sich Ihr Selbstverständnis während der mittlerweile dreijährigen Intendanz des Carinthischen Sommers verändert? Und wie geht es Ihren anderen Projekten, wie dem Radiomachen auf Ö1, dem juristischen Podcast mit Trifoliata …
Das habe ich aufgehört. Ich kann nur mehr hin und wieder eine Radiosendung machen. Ich bin neuerdings im Aufsichtsrat der Bundestheaterholding, ansonsten bin ich weniger außerhalb, aber irrsinnig viel innerhalb des Carinthischen Sommers aktiv. Das meint Kooperationen, Lesungen, Programmpräsentationen – sicher 50 bis 60 Auftritte im Jahr, die das Festival in die Welt hinaustragen. Ich bin Dauerbotschafterin.
Auch Impulse in der Hofburgkapelle ist beispielsweise so ein Lesungsformat, mit dem Sie für das Festival präsent sind.
Ja, aber das werden wir wahrscheinlich jetzt aufhören. Ich glaube, nach dem dritten Jahr wird sich einiges ändern. Drei Jahre ist eine gute Zeit, um einen Schnitt zu machen. Man sieht ja, dass sich das Programm jedes Jahr deutlich verändert, was sich im vierten Jahr noch einmal verstärken wird. Im Kopf beschäftige ich mich jedenfalls schon längst damit.
Sie stricken und weben ununterbrochen neue Muster, aber einführen und hinweisen wollen wir im Moment ja auf den dritten Festivaldurchgang.
Ich bin in einem andauernden Lernprozess. Jetzt habe ich mich in Villach eingelebt, es geht nun weniger darum, Neues zu erfahren, sondern eine Stabilisierung einzuleiten. Die ersten zwei Jahre waren doch sehr turbulent und es galt, das Festival recht schnell in eine künstlerische Exzellenz und in eine solide Wirtschaftlichkeit zu bringen. Ab jetzt geht es auch darum, Stabilität zu erhalten und gleichzeitig kreative Lernprozesse zuzulassen.
Ist es nicht maximale Herausforderung, einer Idee in die Gestaltwerdung, in die Stabilisierung und Institutionalisierung zu verhelfen und dabei nicht an Flexibilität und Innovationskraft einzubüßen? Gleichzeitig ist es vielleicht die Natur jeder Idee, in diesen Lauf zu kommen und sich zu materialisieren. Besteht Ihr Schwingen vielleicht darin, einerseits Stabilität zu erzeugen und andererseits den offenen, forschenden Zugang zu erhalten und Neues zu ermöglichen?
Durchaus, aber Stabilität ist hier eher strukturell gedacht und hat auch viel damit zu tun, dass ich mich im zweiten Festivaljahr ausnehmend auf den betriebswirtschaftlichen und viel weniger den künstlerischen Aspekt dieses Festivals konzentriert habe. Jetzt ist mein Ansinnen eigentlich, in diesem betriebswirtschaftlichen Bereich maximale Stabilität zu erreichen, die uns dann im künstlerischen Bereich wieder viel mehr Flexibilität zugesteht, denn ich habe große Pläne.
Ihr nimmermüder Antrieb.
Ich bin absolut kein Gewohnheitsmensch und wenn ich das Gefühl bekomme, etwas immer gleich handzuhaben, werde ich schon sehr nervös. Dann ist mir langweilig. Ich gehe ja sehr intuitiv an all diese Sachen heran.
Mit einer ordentlich gewachsenen Ausstattung. Wann lesen Sie, wann begegnen Sie den aktiven KünstlerInnen, aber auch diesem großem Repertoire-Hintergrund? Ein riesiges Fundament. Und in der Aktualität zu bleiben, bedeutet ja, immerfort wach und in Kontakt zu sein.
Das ist nicht so einfach. Ich habe unentwegt wahnsinnig viele Ideen und kann davon nur einen Bruchteil umsetzen. Um etwas Neues zu entdecken, muss man ja auch Zufälle zulassen. Das Duo Siedl/Cao hätte ich allein nicht gefunden. Ich bin zum Beispiel auch sehr dankbar für den fantastischen Organisten und Orgelkurator Wolfgang Kogert, weil ich keine speziellen Kenntnisse auf diesem Gebiet habe, aber weiß, dass mir die Orgel wichtig ist. Er arbeitet eng mit mir zusammen, aber ich kann ihm auch viel Freiheit lassen.
Ein weiterer Impuls im Programm ist Arts for Health.
Gesundheit mit den Künsten zu verbinden ist aus meiner Sicht ein sehr zukunftsweisendes Konzept. Es spielt jetzt schon in jedem Sommer eine große Rolle, aber ich möchte es noch stärker einbauen in den Carinthischen Sommer. Bea Robein sagt immer: Wir tragen in uns ein eingebautes Wellness-System, das wir am besten durch Musik, durch Summen und Atmen und durch ein Miteinander aktivieren können. Und ich glaube auch, dass die Kunst, allen voran die Musik, die Resilienz, die wir brauchen, stärkt und steigert. Es ist an der Zeit, mit unseren Festivals und Kunstinstitutionen neue Wege zu denken. Was ist denn unser Platz in der Gesellschaft? Ich glaube sehr tief daran, dass wir Verbindung erzeugen müssen. Es geht mir nicht darum, mit den Künsten zu provozieren. Dieser Typ, der da im Oval Office sitzt, provoziert mehr als jeder Performancekünstler. Ich sehe nicht, was man dem entgegensetzen kann. Aber ich habe ein Interesse daran, Verbindung zu schaffen, das Miteinander zu stärken und möchte trotzdem anspruchsvoll sein dürfen, auch fordernd.
… und Zukunft einladend.
Genau, denn das ist natürlich das, worum es eigentlich geht.
Gibt es deswegen auch Kinderprogramme?
Kinderprogramme mache ich aus Überzeugung. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, jüngere Generationen zu fördern und ihnen Möglichkeiten zu bieten. Aber ich bin auch eine Freundin von älteren Menschen.
Was machen Sie nicht aus Überzeugung?
Ich finde es sehr toll, dass ältere Menschen, ihre Zeit und finanziellen Möglichkeiten nutzen, um Kultur und Kunst in sich aufzunehmen. Das zeigt mir ja auch, dass sie dadurch eine gewisse Art von Energie bekommen, die das Leben lebenswert macht. Und genau darum geht’s.
Die Künste, insbesondere die Musik als die vergänglichste aller Künste, können verbindend wirken, sogar helfen zu demokratisieren. So wären die schöpferischen Kräfte des Menschen als Wurzeln zu verstehen, die im Untergrund stützen und nähren.
Dann ist es nämlich so wie im echten Leben. Es kann ein Gänseblümchen neben einer Tulpe stehen und daneben kann auch eine Fichte wachsen.
Nicht das echte Leben, eher das gesunde Leben. Monokulturen entkräften dieses Geflecht. Der Mensch hat sich an das Monolithische gewöhnt, sich in der Neuen Musik, in der Alten Musik, in den Sparten aufzuhalten und eine Grenze darum zu ziehen.
Das ist immer interessant, weil es einfacher ist, zu sagen: Ursprünglich ist der Carinthische Sommer ein Klassikfestival gewesen, zu dem später auch Neue Musik dazugekommen ist. Das entspricht nicht meiner Haltung und meinen Ideen von diesem Festival. Das, was wir daraus machen, ist so divers, dass natürlich überbordende Beliebigkeit droht.
Es braucht den roten Faden.
Genau. Wesentlich ist, dass eine blühende Wiese entsteht. Meine Hauptaufgabe ist, ein großes Ganzes zu entwickeln, indem die einzelnen Programmpunkte untereinander Verbindungen miteinander eingehen und herstellen, sich sozusagen ein Gewebe ausbildet. Und dass ist vor allem zu spüren.
Ich glaube, dieser rote Faden ist ein Stück weit Ihre Handschrift. Wie kann Ihnen bei diesem umfangreichen Arbeitsvolumen Unterstützung widerfahren? Mit welchem Kern, welchem Team kann Ihre Vision gelingen?
Ich habe viel Zugang zu verschiedenen Welten, kann fragen und bekomme Impulse und Antworten. Wichtig ist, bei sich zu bleiben, um den Anderen und das Andere sehen und zeigen zu können. Die Stringenz im künstlerischen Programm entsteht vor allem dadurch, dass ich mich auf meine Intuition verlasse. Um das zu ermöglichen, muss ich bei mir sein können. Ich darf mich selbst nicht verlieren. So bleibt es auch permanent ein großes Stück Arbeit an meiner eigenen Person. Weil ich weiß, dass ich mich auf meine Intuition verlassen kann, habe ich eine große Sicherheit im Umgang.
Es gibt den Carinthischen Sommer auch im Winter, wenn Sie Adventskonzerte in der Villacher Kirche veranstalten.
Sie werden immer mit lokalen Chören ausgerichtet.
Die Einbindung regionaler und junger NachwuchskünstlerInnen war ein wesentliches Anliegen bei Antritt Ihrer Intendanz. Wie haben sich die Dinge bis zum dritten Festivaldurchgang jetzt entwickelt?
Im ersten Jahr sind die Morgenkonzerte irrsinnig eingeschlagen, im zweiten Jahr haben über 2000 Menschen die Morgenkonzerte besucht. Wir kooperieren seit vorigem Jahr auch mit dem Ingeborg Bachmann Wettbewerb und haben den Preis Carinthischer Sommer Festivalschreiberin ausgeschrieben. Dieses Jahr wird Tara Meister zwei Monate am Ossiacher See leben und uns schreibend und lesend begleiten. Außerdem hat sie einen Text für die Morgenkonzerte geschrieben. Und wir haben die Morgenkonzerte als Bücher herausgegeben. Eines heißt Freiheit, das andere Hoffnung, mit den Texten der Morgenkonzerte.
Einige KünstlerInnen tauchen ja jedes Jahr wieder im Festivalprogramm auf.
Es ist schön, dass einige immer wieder kommen, wie Georg Nigl, Joachim Meyerhof, Claire Huangci, die Company of Music, Wolfgang Kogert, Giovanni Antonini, Birgit Minichmayr… die Liste ist lang … und sich immer wieder mit neuen KünstlerInnen zusammenfinden. Mich freut ebenso, dass KünstlerInnen auch immer wieder anfragen, weil es ihnen sehr gefallen hat. Das ist ein großartiger Lohn für unsere Bemühungen, gastfreundlich zu sein und alle willkommen zu heißen.
Claire Huangci könnte man fast als Festivalpianistin verstehen.
Naja, sie spielt ja sehr Verschiedenes bei uns: Im ersten Jahr spielte sie das Eröffnungs-, im zweiten Jahr das Abschlusskonzert und jetzt hat sie ihr eigenes Klavierrecital.
Der Charakter des Carinthischen Sommers ist auch, dass KünstlerInnen ihn als ihre Wirkstätte erfahren, wo sie Verschiedenes präsentieren, aber auch erproben können. Judith Fliedl beispielsweise erforscht die Interaktion bzw. Wechselwirkung zwischen musikalischer Interpretation und aktiver Rezeption des Publikums. Gleichzeitig ist der Künstler/die Künstlerin auf ein nährendes Umfeld angewiesen. Das Ganze ist ein lebendiger Organismus.
Ja, weil wir die Idee von Darstellenden und Publikum sehr oft etablieren und gleich wieder auflösen und immer wieder versuchen, Bühnen auf Publikumsebene zu montieren. Auch unsere kulinarischen Nachklänge ermöglichen nahbaren Umgang mit Kunst und Künstlern.
Es gibt auch einen Festivalwein.
Wir haben heuer einen sehr eleganten Festivalsekt, einen Brut nature, von dem lokalen Winzer Gerhard Köck. Und wir fertigen gemeinsam mit der Caritas aus den Fahnen der Vorjahre Taschen und setzen ein schönes Symbol: Jede Tasche ist ein Unikat und ein Upcycling bereits eingesetzter Materialien. Außerdem haben wir auch Regenschirme. So tragen unsere bunten Farben in jeden Regentag gute Laune hinein.
Was ist mit dem Festivalförderungsclub geschehen?
Den habe ich aufgelöst und dafür einen Festivalclub ohne dahinterliegende Vereinsstruktur in Kärnten ins Leben gerufen. Wir haben ihn Unterstützen*Fördern*Ermöglichen genannt. Man hat drei Kategorien, zahlt einfach ein und ist dabei, ohne bürokratische Beitrittsformalitäten und ohne Verpflichtung, dies auf ewig zu tun. Man kann das Festival aber auch finanziell unterstützen ohne Gegenleistungen und die Spende dann absetzen. Ich möchte niemanden in die Pflicht nehmen. Ich bin eine Freundin der Freiheit.
Worauf schauen Sie mit Spannung?
Ich freue mich sehr auf die zweite österreichische Erstaufführung durch das RSO für Sheng und Orchester von Bernd Richard Deutsch. Dieses tolle Stück wird mit dem ältesten Instrument der Welt, der chinesischen Mundorgel Sheng vom Solisten Wu Wei gespielt. So eine Verbindung über die Zeiten, die Kulturen und die Genres ist eine ungeheuer spannende Sache. Außerdem bespielen wir im Sommer erstmals einen ganzen Vormittag Villach und kreieren ein Stadtfest mit mehr als 40 Programmpunkten. Und ebenfalls zum ersten Mal bespielen wir das Kärntenmuseum in Klagenfurt mit sehr unterschiedlichen Stücken, unter anderem Slovalia – eine Verkuppelung, ein Auftragswerk vom vorigen Jahr an Anna Anderluh und Tamara Stajner zur Eröffnung der Kulturhauptstadt Gorizia/Nova Gorica. Ausgehend von einem Bachmann-Text schreibt Tamara Steiner auf deutsch, italienisch, slowenisch und friolanisch und stellt unglaubliche Verbindungen her. Anna Anderluh hat ihn fantastisch vertont, das Ganze funktioniert wie ein Melodram. Auch die Company of Music wird singen, ein Programm aus der Akustik der Museumsräume heraus gestalten und ein neues Werk von Wolfgang Suppan uraufführen, das ebenfalls ein Kompositionsauftrag zum Bachmann Jubiläum ist. Wir werden Räume, aber auch Objekte bespielen. Franziska Fleischanderl bringt ihr Salterio mit, Michael Schwarzenbacher spielt Akkordeon, es gibt auch Lesungen – also ein sehr diverses Programm, das auf das Museum referiert und es zum Klingen bringt. Wir nennen es auch Klang.Raum.Museum.
Fast ein eigenes Programm innerhalb des Festivalprogrammes.
Das Museumsprogramm ist ein eigenes Programm, das Stadtfestprogramm ist ein eigenes Programm und dann gibt es noch einen speziellen Tag, den 1.8. Wir nennen ihn Lieblingsstück und es geht darum, die Begeisterung der Künstlerinnen und Künstler für das, was sie tun, zu zeigen. Da sind unter anderem Judith Fliedl, Robert Menasse, für den ich mich persönlich sehr begeistere und der eine unglaubliche Leidenschaft für Europa hat. Auch Sarvenaz Safari ist dabei mit einer Auftragskomposition und Wolfgang Kogert spielt Orgel und erzählt, worin seine Begeisterung für die Orgel liegt. An diesem Tag geht es auch wieder darum, dass Publikum und Ausführende sich mischen. Und am Abend kulminiert das dann in einen Klavierabend mit einer Pianistin, die sich extrem für das virtuose Repertoire begeistert und Liszt spielt. Das sind so Oasen innerhalb des Festivals, in denen work in progress stattfindet und noch sehr viel entstehen kann. So ging es letztes Jahr auch eine ganze Woche mit Schostakowitsch.
Und Sie schaffen es auch noch, einen Festivalalmanach für jeden Jahrgang zu fertigen?
Nein, der Aufwand war zu hoch, die Kosten ebenfalls und er wurde gar nicht entsprechend gekauft. Darum haben wir heuer entschieden, lieber im Februar ein Ankündigungsbuch anzufertigen. Dort gibt beispielsweise die KomponistInnen zu entdecken, die heuer eine Uraufführung für das Festival schreiben.
Was hat es mit dem afrikanischen Tag: Eine Königin aus Westafrika in Klagenfurt auf sich?
Die senegalesische Sängerin und Musikerin Senny Camara hat uns begeistert als eine Frau, die aus patriarchalen Strukturen stammt und eine Großmutter hatte, die Heilerin war. Sie wollte das Spiel der Kora erlernen, das aber den Männern vorbehalten war. Und es ist ihr gelungen, all das zu reflektieren und in Verbindung zu bringen, das Instrument zu erlernen und die Spiritualität ihrer Großmutter mit in ihre Musik hineinzunehmen. Sehr viele Projekte im Carinthischen Sommer sind spirituell, nicht immer an der Oberfläche, aber sicher in der Tiefe.
Wie sind Sie auf sie gekommen?
Vor acht Jahren wurde der Aga Khan Music Award gegründet und in dessen erster Ausgabe war ich „Nominator“ und bin daher mit der Aga Khan-Stiftung auch immer verbunden. Jetzt war Senny Camara nominiert und so wurde ich auf sie aufmerksam.
Und das treppenhausorchester macht …
… Disco! Ein Orchester aus Hannover, das die zeitgenössische Musik unplugged, aber mit Groove spielt, also Neue Musik zum Tanzen!
Es gibt auch eine Party!?
Ja, nur irreführenderweise nicht mit Discomusik. Wir haben einfach den Titel der HannoveranerInnen übernommen.
Ein Auszug des Artikels ist erstmals erschienen auf www.musicaustria.at.

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