Dora Donata Sammer

Außerhalb der Komfortzone ist doch das spannende Leben
Spätestens seit dem Gewinn des ersten Preises beim „Berlin Prize For Young Artists 2023“ mit ihrem Soloprogramm From Imitations To Illusions krönt Dora Donata Sammer das Spiel der Blockflöte. Ihr unkonventionelles Repertoire, ein räumlicher Blick auf die Dramaturgie vor Konzerten und ein Umgang mit der Blockflöte, der Hörerwartungen zu sprengen vermag, gerät zu ihrer unverkennbaren Handschrift. Als Akademistin von Concerto21 und TONALi in Hamburg wurde sie heuer für das österreichische NASOM-Programm 2027/28 ausgewählt.
War deine erste Begegnung mit der Blockflöte wie bei wahrscheinlich Vielen im Grundschulalter? Wann begann deine Leidenschaft für sie?
Wahrscheinlich genau weil ich nicht diese Grundschul-Blockflöten-Erfahrung habe, konnte bei mir eine Passion entstehen. Seit meinem vierten Lebensjahr war es nach einem Konzert mein Wunsch, Blockflöte zu lernen und mit sieben Jahren bekam ich dann endlich Einzelunterricht. Es hat eine Weile gedauert, eine Lehrerin zu finden. Meine Eltern kannten sich mit Musikunterricht nicht aus, aber sind als Architekten den Künsten sehr nah.
Und wann begannst du dann, Klavier spielen zu lernen?
Zwei Jahre später. Das Musikspielen war meines und ich hatte Glück, in einem sehr musikaffinen Haus aufzuwachsen. Auch das Üben war meine Sache. Hat mir da wer reingesprochen, hat das große Widerstände in mir ausgelöst. Ich habe es beispielsweise geliebt, abends zu üben. Als meine Mutter anmerkte, dass ich ja vielleicht schon nachmittags damit beginnen könnte, war meine Antwort: Aber die Konzerte sind doch auch abends.
Deine musikalische Ausbildung lief also in der Kindheit parallel zur schulischen?
Ja, ich war an einem Sprachgymnasium und parallel nachmittags im Johann-Joseph-Fux-Konservatorium in Graz. Im letzten Schuljahr war ich dann schon parallel in Wien im Jugendstudium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Sobald ich mit Musik begonnen hatte, war mir auch klar, dass ich das studieren würde.
Ist dir Stirnrunzeln begegnet, als klar wurde, dass du Blockflöte studieren willst?
Das passierte grundsätzlich, weil ich gleich zwei Instrumente studieren wollte. Aber das hat mich eher angespornt. Außerhalb der Komfortzone ist doch das spannende Leben. Das ist ein tiefer innerer Motor für mich, der mich antreibt. Ich möchte weiterschauen, was möglich ist und an die Grenzen gehen.
Gab es Lichtmomente während des Studiums, besonders inspirierende Erfahrungen?
Da ich beide Instrumente studiert habe, hatte ich zwei Gegensätze: ein Melodieinstrument und ein Harmonieinstrument. Außerdem gibt es eine große Lücke in den Musikepochen in der Blockflötenliteratur, die ich wunderbar mit dem Klavierrepertoire füllen konnte. Es hat mich sehr geprägt, dass ich diese Breite an Kenntnis der unterschiedlichen Ansätze und Herangehensweisen über Epochen erfahren durfte. Diese Vielfalt ist dann auch auf das jeweilige andere Instrument übergegangen, sei es die historische Aufführungspraxis beim Klavier oder das harmonische Denken auf der Blockflöte. Für mich sind es verschiedene Klangsprachen, die man ineinander übersetzen kann und die einander auch brauchen.
Klangsprache, Klangraum, Klangfarbe sind die Themen, die dich interessieren. Das Dazwischen scheint dabei ein Ort zu sein, an dem du dich gern aufhältst. Was gefällt dir da so?
Es ist total unbequem dort.
Die Bewegung zwischen Alter und Neuer Musik, beschreibst du aber nicht als Wandern zwischen zwei Polen, sondern eher als ein Aufhalten in einem Kontinuum. Was verbindet sie in deinem Verständnis?
Alles ist Musik. Die unterschiedlichen Denkweisen, die ich in den verschiedenen Repertoires kennengelernt habe, weisen doch immer wieder auch Ähnlichkeiten auf. Klänge sind nie gleich, haben aber eine Qualität, die sie miteinander verbinden lässt. Es entsteht in mir ein Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit, sie bedingen einander auch. Die Klangfarben von heute existieren ja nur, weil alles Vorangegangene stattgefunden hat. Ich kann nur aus der gegenwärtigen Sicht auf altes Repertoire blicken und ihm begegnen.
Geht es um Klangerfahrungen, nach denen über alle Jahrhunderte gesucht wurde? Die Suche, Klangerleben zu entwickeln, indem mikroskopisch in Klangzusammenhänge hineingezoomt wird, findet sich in zeitgenössischen Improvisationstechniken wie auch in barockem Kompositionsstilen.
Die Sprache einer Komponistin, eines Komponisten eröffnet für mich einen imaginären architektonischen Raum. Er hat eine gewisse Form, in der es klingt – er entsteht durch diese Musik. Aus einem solchen Raum kommend, hört man bzw. das Publikum das darauffolgende Stück anders. Das ist sehr architektonisch, sehr räumlich gedacht. Jeder Klang, jedes Stück eröffnet einen eigenen Raum. Dadurch ist es nicht beliebig, in welcher Anordnung die Stücke beispielsweise in einem Konzert gespielt werden. Mit diesem Gedanken entwickle ich meine Konzepte und Dramaturgien. Ich versuche, die Ohren des Publikums einzuladen, möchte das Sich-Einlassen unterstützen.
Woran erkennst du, dass die Hörenden ein verändertes Ohr nach dem Raumerlebnis haben?
Ich denke nicht, dass sich das Ohr verändert. Es geht eher darum, Momente der Konzentration zu schaffen, in denen sich das Ohr öffnen kann. Wir werden tagtäglich derartig beschallt, dass ich den Eindruck habe, die Ohren für das Stück, das ich spielen will, erst einmal aufschließen zu müssen. Das liegt natürlich auch daran, dass mein Blockflötenrepertoire nicht unbedingt dem gängigen, bekannten Kanon angehört und deshalb eher unbekannt ist. Ich kann also total gut überraschen, muss aber vorher die Wahrnehmungsfähigkeit der Ohren aktivieren oder sensibilisieren. Wenn dann eine Konzentration im Raum ist, merke ich dieses andere Zuhören, und das ist immer wieder eine wunderbare Erfahrung.
Wie bist du zu diesem Konzept gekommen, die Stückabfolge in Konzerten nach dieser Erfahrung zu gestalten?
Sobald man Konzertprogramme zusammenstellt, beginnt man sich mit der Dramaturgie der einzelnen Stücke auseinanderzusetzen. Beim Wettbewerb des Berlin Prize for Young Artist war es das erste Mal, dass ich das für ein reines Soloprogramm entwickelt habe. Im Wettbewerbskontext gibt es sonst meist die konventionellen Anforderungen von Pflicht- und ein Wahlstücken.
Kuratorische Gedanken spielen da keine Rolle.
Es ist schön durch die Teilnahme am Berlin Prize for Young Artists dieses eigene Programm From Imitations To Illusions zu haben und damit verschiedenen Bühnen ein Angebot offerieren zu können. Es ist ja nicht so, dass die freien Stellen auf Blockflötistinnen nur so warten. Außerdem liebe ich es, selbstbestimmt Entscheidungen treffen zu können und es ist mir außerordentlich wichtig, künstlerisch meinen Vorstellungen zu folgen. Ich habe sehr viel getan, um diesem Versuch Gehör zu verschaffen. Und eins kam zum anderen. Da passt es perfekt, dass ich jetzt als Solistin für das NASOM-Programm 2027/28 nominiert wurde, wo ich Unterstützung beim internationalen musikalischen Austausch bekomme.
Ist es Zufall, dass dein Repertoire an Neuer Flötenmusik ebenfalls häufig von italienischen Komponisten stammt?
Das bislang existierende zeitgenössische Repertoire für Blockflöte ist überschaubar, hat aber keinesfalls einen italienischen Schwerpunkt, ich spiele auch Werke aus dem deutschsprachigen Raum, den Niederlanden, England, Frankreich, Japan, Korea etc. Nichtsdestotrotz hatte die Blockflöte in Italien eine ganz andere Tradition als zum Beispiel in Österreich. In der barocken italienischen Musik spielt die Blockflöte eine wichtige Rolle, was für das Instrument eine ganz eigene Geschichte nach sich zieht. Aber auch in Frankreich, Deutschland, England, Niederlanden und anderen Ländern.
Arbeitest du mit zeitgenössischen Komponisten zusammen?
Vor drei Tagen habe ich die Noten eines Stückes für Paetzold-Kontrabassblockflöte bekommen, das Frank Zabel für mich geschrieben hat. Weitere Stücke mit anderen KomponistInnen sind in Planung und Arbeit.
Du lebst derzeit in Hamburg und Wien?
Ja, ich pendle, da ich in Hamburg die TONALi Bühnenakademie besuche, kehre aber von Reisen und Proben immer wieder nach Wien zurück. Meine nächsten Konzerte sind in Frankfurt am Main und zuvor in Zschornewitz.
Wie kommst du denn nach Zschornewitz?
Folkert Uhde hat mich zum OSTEN Festival eingeladen. Das erste Konzert hat gerade in Berlin mit fünf SängerInnen des RIAS Kammerchors stattgefunden. Das zweite wird nun im alten Kohlekraftwerk in Zschornewitz sein. Das ist eine total spannende Location, wir werden in und zwischen diesen riesigen Maschinen musizieren. Ende September werde ich dann beim Fratopia Festival in der Alten Oper Frankfurt zwei unterschiedliche Soloprogramme spielen.
Bei deinen Interpretationen barocker Stücke von Giuseppe Sammartini oder Johann Sebastian Bach beispielsweise wirkt dein Flötenspiel, als wolle es Gesang imitieren. Sie leuchtet ganz eindrücklich heraus. Wie verhält sich die Blockflöte dann mit Gesang gemeinsam? Da bedienen sich ja zwei Körper der Atemluft, nutzen aber einerseits den menschlichen und andererseits den Holzkörper als Resonanzraum.
Jeder Instrumentalist liebt wahrscheinlich sein Instrument, weil er es der menschlichen Stimme am nächsten wähnt. Dieses Streben, die menschliche Stimme nachzuahmen, ist wohl so alt wie das Instrumentalspiel selbst. Schon in uralten Traktaten steht beschrieben, dass der Klang der menschlichen Stimme zu imitieren sei. Aber es freut mich zu hören, dass die Blockflöte es wirklich kann. Es ist bei jedem Melodieinstrument sicher sinnvoll, sich eine Stimme vorzustellen. Die Tonerzeugung ist bei der Blockflöte ja sehr einfach und dadurch auch sehr nah an der Stimme, über die wir ja auch grundsätzlich ganz ohne Anstrengung verfügen.
Wind oder Atem – die allem gleichermaßen zugrundeliegende Luft zu verstehen als das Material, mit dem der Klang entsteht. Gibt es für dich einen kontinuierlichen Übergang im Verständnis von Klang zu Geräusch? Ist das die Weiterbewegung von deinem Versuch zu imitieren? Wäre das auch eine Brücke zwischen den Neuen und Alten Musiken für dich?
Das ist der Grundkern meines Programms From Imitations To Illusions. Ich untersuche, wie unterschiedlich in verschiedenen Epochen imitiert wurde. Auch in meinem Orchesterprojekt In Between mit der Staatskapelle Halle spielt dieser Gedanke mit hinein. Dort habe ich etwa im Concerto „La Tempesta di Mare“ von Antonio Vivaldi aus dem Verständnis einer Kadenz heraus gespielt, die möglicherweise zeitgenössisch ist. Ich habe also musikalische Elemente aus dem Satz genommen, kristallisiere die naturalistische Form aus dem Stück mit zeitgenössischen Spieltechniken heraus und verbinde diese in einer Kadenz. Dadurch stelle ich einen Bezug zu Seascape von Fausto Romitelli her, ein Stück, das eine Meereslandschaft akustisch in der Tonsprache des 20. Jahrhunderts darstellt. Mit Bezügen wie diesen spiele ich in dem Konzert sehr stark.
Oft spielst du die Stücke aus dem Kopf.
Die auswendige Kenntnis des jeweiligen Repertoires ermöglicht das Einbeziehen des Raumes, das ich so mag. Sich spielend zu bewegen, erfordert große Text- und Trittsicherheit. Aber es lohnt sich: Für das besagte Orchesterprojekt in Halle, für das ich die musikalische und künstlerische Leitung innehatte, entwickelte ich auf dem Papier ein Raumkonzept, das dem Personal vor Ort zu komplex erschien. Mit einiger Beharrlichkeit konnten wir dann doch die Lichtbalustraden in unsere Aufführung mit einbeziehen. So konnten das Orchester und ich verschieden Raumpositionen einnehmen und räumlich aufeinander reagieren. Während eines Stücks wandert etwa das gesamte Orchester spielend um das Publikum herum, wodurch sich die Hörperspektiven in jedem Moment verschieben.
Bleibst du dabei, Konzepte für Aufführungen zu entwickeln?
Unbedingt! Mein nächstes Projekt in Hamburg heißt Paperformance. Da werde ich versuchen, das Geräusch von Papier zum Klingen zu bringen oder in den Klang mit einzuarbeiten. Es geht um die kleinsten Geräusche und den Kern von Klang. Es sind sogenannte ‚inszenierte Konzerte‘. Der Begriff lässt ein bisschen zuviel vom Theater verlauten, aber ich komme von der Musik, nicht von der Dramaturgie. Ich will alles wegbrechen, was es nicht braucht und aus dem Wenigen etwas schaffen, das gehört wird.
Was ist denn deiner Meinung nach überflüssig im Konzert, welche Situation willst du herstellen, um deinem Ausdrucks- und Wirkungswunsch näherzukommen?
Ich gehe von der Musik aus und glaube, dass wir oft mehr mögen, als wir uns zutrauen. Und uns oft auch nicht trauen, etwas zu hören, das nicht unserem Musikgeschmack entspricht. Das wird natürlich häufig durch bestimmte Settings unterstützt, beispielsweise wie und wo Konzerte stattzufinden haben. Da wird jeweils eine bestimmte Zielgruppe angesprochen. Und wenn man das mal umdreht und sich also auf ein Publikum einlässt, das nicht der eigenen Zielgruppe entspricht, und dort das Programm in deren Wohlfühlräumen präsentiert, dann kann man überraschen und überrascht werden. Das finde ich spannend und interessant, auszuprobieren. Manchmal stimmts, manchmal aber auch nicht. Ich denke sehr gern den Raum mit und glaube, dass ein und dasselbe Werk in unterschiedlichen Räumen sehr verschieden wirken kann.
Dein Blick gilt also dem Kontext, in welchem ein Stück stattfindet: Reihung von Vorgänger- und Nachfolgerstück, aber auch der Aufführungsort, dessen Setting und Inszenierung spielen eine ganz wesentliche Rolle für deine Vorstellung von Musikerleben. Dazu kommt noch die Interaktion zwischen Bühne und Publikum als Setting.
Absolut. Das ist aber auch Teil einer bewussten Aufführungspraxis. Mich fasziniert der große Bogen und Zusammenhang zwischen Musik und Raum. Segen und Fluch der Blockflöte ist, dass jeder irgendwie einen Bezug zu ihr hat und der oft ein sehr negativer ist. Oft will ich es auch einfach schaffen, dass jemand nicht abgeschreckt ist durch das Wort Blockflöte. Wenn man, was an Vorerfahrungen mitschwingt, sich also einlässt, dann wird es schön.
Hast du eine Beziehung zur Flöte und konkurriert sie zur Beziehung zum Klavier?
Alle Blockflöten und das Klavier bieten mir eine Form, mich auszudrücken und das Mittel, um das zu sagen, was mir wichtig ist. Musik sagt so viel mehr als Sprache es kann, ist so vielschichtiger. Dies fasziniert mich und dafür sind die Instrumente mein Ausdrucksmittel.
Und woran arbeitest du gerade noch?
Ich probe gerade für die Konzerte beim Fratopia Festival in der Alten Oper Frankfurt zwei Soloprogramme, ein reines Alte Musik Programm à la Fiori musicali und das Programm From Imitations To Illusions mit Werken aus der Renaissance bis zur Gegenwart. Anschließend geht es dann nach Hamburg und parallel arbeite ich an der Konzeption meines ersten Albums. Ansonsten stecke ich jetzt in der Planung von internationalen Konzerten mit dem „New Austrian Sound Of Music“ Förderprogramm.
Ein Auszug des Artikels ist erstmals erschienen auf www.musicaustria.at.

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