Alexander J. Eberhard

Manchmal muss man auch auf den Punkt kommen
Der Komponist und Bratschist Alexander J. Eberhard kommuniziert am liebsten durch seine Musik und weicht ganz gern auf die anerkennende Beschreibung anderer MusikerInnen und KünstlerInnen aus. Doch mit entsprechender Ausrüstung gleicht ein Gespräch mit ihm einer fruchtbaren Expedition an Themenfeldränder wie Werbejingles, Tracking-Apps und Streamingplattformen und mündet in Demut gegenüber den inneren Vorgängen beim Musikschaffen.
In unserem letzten Gespräch sprachen wir viel über die Entwicklung deines zweiten Albums Moskwitsch. Jetzt ist es veröffentlicht: mit ganz anderen Tracks als den vormals besprochenen. Nur das titelgebende Stück und Moonwalk sind geblieben.
Alexander J. Eberhard: Natürlich sollten meine beiden komponierten Stücke für dieses Album aufgenommen werden. Aber viele meiner anderen Ideen und drei Stücke musste ich verwerfen, weil sie entweder einfach nicht dazu gepasst haben oder zu leise waren. Eigentlich hat Peter Herberts Begeisterung über unsere Improvisationen dann mein Augenmerk auf diese Aufnahmen gelenkt. Und ab da wurden sie zum zusätzlichen Material, mein Album zu gestalten. Ungeschnitten und ungefiltert ist die B-Seite der Platte also ausschließlich mit dem Trio Polyester improvisiert und hat auf Seite A die komponierten Solostücke und Vibratsch für die zwei Instrumente Vibraphon und Bratsche voraus.
Improvisation schöpft aus dem Virtuosentum.
Alexander J. Eberhard: Auf der zweiten Seite des Albums verwende ich überhaupt keine Effekte, was ich häufig auch live supergern mache und immer wieder neue Teile ausprobiere. Schon mit kleinen Hilfsmitteln wie zum Beispiel einem Lederdämpfer lassen sich auf Streichinstrumenten phänomenale Klänge erzeugen. Ein richtiger Kosmos, der auch schon ohne Elektronik unüberschaubar riesig ist. Es gibt rein akustisch schon wahnsinnig viele Möglichkeiten abseits vom virtuosen Können am Instrument. Mit nur einem Ton kann man schon hunderte verschiedene Artikulationen erzeugen. Dieser Zugang entsteht erst beim jahrelangen Beschäftigen mit dem Instrument und ist ein zutiefst persönlicher Prozess. Der tägliche Kontakt mit dem Instrument ist dabei wesentlich. Ich versuche auch mit dem Material, das ich übe, zu improvisieren, um mehr zu erfahren über die Möglichkeiten meines Instrumentes. Auch im freien Spiel steckt ungeheuer viel Beschäftigung mit dem eigenen Instrument, ein Leben lang.
Strukturell also eine Seite komponiert, die zweite improvisiert, programmatisch sliden die Stücke von einem zu zwei, dann drei Instrumenten: von Solo über Duo zu Trio. Stilistisch ist das Album aber vor allem überraschend akustisch.
Alexander J. Eberhard: Nur Moskwitsch hat eine fette Zuspielung und Moonwalk zur rhythmischen Zuspielung noch einen liegenden Ton, einen Bordun, aus dem sich das Stück mit kurzen Mobiles, nur kleinen Gesten entwickelt. Die kleine Melodie anschließend mündet in eine ziemlich wilde Explosion, mit Beats und Breaks aus der Zuspielung sowie der analogen Distortion von Petra Ackermanns Bratsche.
Für mich erzeugte das fulminante Finale das Bild einer Begegnung, offenbar gibt es doch Lebewesen auf dem Mond. Der Titel führt jedenfalls in extraterrestrische Dimensionen.
Alexander J. Eberhard: Ja, so könnte man es auch beschreiben. Mir gefallen solche assoziativen Bilder, dann muss ich nicht soviel analysieren. In der Regel entsteht die Musik ja ziemlich schnell aus mir heraus. Nur bei Auftragsstücken beginne ich tendenziell zu spät oder brauche lange, sie zu schreiben. Aber entgegen früheren Verhaltens habe ich mir mittlerweile angewöhnt, regelmäßig zu komponieren, also ständig Stücke zu schreiben. Denn ich denke natürlich schon an ein nächstes Album oder die nächste Veröffentlichung. Das ständige Komponieren hält einen Flow aufrecht wie das Üben eines Instruments. Die Musik ist zwar auch mein Brotberuf, aber eigentlich geht es mir immer nur um die Musik als solche.
Lehnst du Anwendungen für Musik also im Innersten eigentlich ab?
Alexander J. Eberhard: Im Moment finde ich zum Beispiel Gebrauchsmusik für Sportler ziemlich spannend. Ich empfinde das auch als Übung und außerdem gibt es in diesem Segment meiner Meinung nach nicht viel Brauchbares. Es macht auch Spaß, mal etwas zu überlegen, was für bestimmte Zwecke fixiert ist. In dem Fall sind also gewisse Tempi vorgegeben, Beats können ja motivierend wirken. Selbst mag ich erstaunlicherweise allerdings überhaupt keine Musik beim Sport. Wenn ich laufe, will ich den Sound von draußen haben, da ist ja soviel drin: Straßengeräusch, Vögel und Wind. Ich brauche Luft und die Ohren müssen frei sein.
Wenn du die Zuspielung von Beats nicht brauchst, um etwas zu aktivieren – was interessiert dich dann daran? Sie machen Musik zuweilen auch anschlussfähig. Überhaupt enthält deine Musik oft kleine solcher Einladungen, auch melodiöse Phrasen und verspielte Sequenzen zähle ich dazu.
Alexander J. Eberhard: Ich finde, in der Musik muss es auch irgendwann einmal zur Sache gehen. Wenn zu restriktiv vorgegangen wird und lauter ungeschriebene Vorgaben vom Zeitgeist bzw. Strömungen vor allem in der Neuen Musik bestimmen wollen, dann passiert immer weniger. Und alle sagen sich, der Kaiser hat ja gar nichts an, aber es sind eben seine neuen Kleider. Manchmal muss man auch auf den Punkt kommen. Musik muss irgendwann aufgehen, neben aller Originalität, Expressivität und Emotionalität. Eine gute Idee muss dahinter liegen, das interessiert mich am meisten. Dass ständig etwas Neues entstehen kann, halte ich für einen Irrglauben. Aber was ich schon gern noch erleben würde: einen Hit zu schreiben. Zappa hat das geschafft. Dafür müssen sicherlich mehrere Faktoren ziemlich glückvoll zusammenspielen. Und mit Aktueller Musik kann man wahrscheinlich eher keinen Hit schreiben.
Schwierig. Hängt das nicht mit der Kategorienbildung in unserer Geistesgeschichte zusammen? War Mozart nicht ebenso Zeitgenosse und hat folglich zeitgenössische Musik geschrieben? War seine Musik damals populär? War ein Hit darunter? Wie sind die Menschen, sein Publikum damit umgegangen? Es gab zu der Zeit ja keine Alternativen, man konnte Musik nur im aktuellen Moment machen und hören, nicht aufnehmen und unabhängig von der Aufführungssituation nebeneinanderstellen.
Alexander J. Eberhard: Stimmt eigentlich. Das Stück 4’33’’ von Cage ist ja auch in der Popkultur eingefahren. Es gibt tausende Videos auf youtube davon. Sogar Helge Schneider hat das mal gespielt …
… vierhändig mit Harald Schmidt. Vielleicht brauchen wir diese Unterscheidungen nur, über darüber reden zu können. In deiner Musik lassen sich jede Menge Strömungen wiederfinden. Du verwendest sie und spielst damit. Und das ist zeitgenössisch, oder?
Alexander J. Eberhard: Absolut. Ein bisschen Wortklauberei steckt sicher drin, wenn Menschen beim Begriff ‚Aktuelle Musik‘ etwas offener reagieren und mit ‚Neuer Musik‘ ja meist nur neue ernste Musik gemeint ist. Aktuell greift ja auch besser, weil sie eben alle Gegenwartsmusik umfasst.
Vielleicht spielt so etwas wie Anwendung von Musik doch eine Rolle für dich, zum Beispiel hast du Klingeltöne für Handys entworfen. Aber auch in Wechselwirkung mit Visuellem Material entsteht Musik von dir. Wie arbeitest du da? Was arbeitet dann in dir?
Alexander J. Eberhard: Wenn ich zu einem Video den Sound produziere, brauche ich Zeit, weil auch da die Musik auf dem Punkt landen muss. Mich interessieren Jingles für die Werbung beispielsweise auch sehr, aber ich glaube, dort in kürzester Zeit punktgenau Ein-paar-Sekunden-Musik zu entwerfen, ist höchst anspruchsvoll. Da hat man es quasi mit einem musikalischen Mini-Maßanzug zu tun. Und die Qualität der künstlerischen Idee steht womöglich in keinem Verhältnis zur Brauchbarkeit für ein Jingle. Vor langer Zeit wurde ich für eine Signation von Radio Orange beauftragt, die bis heute rennt. Aber die Arbeitsmodalitäten waren da ungleich zugewandter als ich sie mir in der Werbung vorstelle: ihnen hat einfach getaugt, was ich geschrieben habe. Interesse an einer Sache und die Möglichkeit, sie zu machen, sind leider zweierlei. Und so braucht es eben immer wieder auch Gelegenheiten.
Im März gab es im Filmarchiv eine Retrospektive des Experimentalfilmers Hans Scheugl. Für einen Film waren du und Peter Herbert mit der Musik betraut.
Alexander J. Eberhard: Cordula Bösze hatte uns vermittelt, als Hans Scheugl seine Filme restaurierte und ihm bei einer Sequenz der Sound nicht mehr taugte. In seiner Vorstellung sollte ein Zitat aus dem Jazz-Standard In a sentimental mood verarbeitet werden, was mich natürlich sofort auf Peter Herbert brachte. Zusammen improvisierten wir zu dem Film mit Peters raffiniert versteckt gespielten Jazz-Standards. Leider wurden wir zur Aufführung im Filmarchiv dann nicht eingeladen.
Es finden nicht nur in den Titeln, sondern vor allem auch akustisch die Sounds von draußen Eingang in deine Musik. Wie nimmt die natürliche Akustik denn Einfluss auf dein Komponieren?
Alexander J. Eberhard: Ich bin immer neugierig. Sobald ich den Fuß vor die Tür setze oder raus in den Garten fahre, begegnet mir akustisch Neues. Mich interessiert aber auch aktuelle Musik in alle Richtungen, Neuerscheinungen bei ECM genauso wie das neue Album No Lube So Rude von der Peaches. In Zeiten wie dieses kann man ja alles streamen und muss gar nicht mehr in den Plattenladen seines Vertrauens gehen. Andererseits ist sowas wie Spotify Gift für uns Musiker. Ich war erst kürzlich bei einem Meeting zu Digitalem Vertrieb von Musik mit dem hauptsächlichen Schwerpunkt Spotify. Jenseits des Pop ist Spotify einfach das falsche Medium. Deine Musik muss dort mindestens 30 Sekunden lang gespielt werden und du brauchst mindestens 3000 Follower, um überhaupt mitzuspielen. Und erst ab 15 Stunden Spieldauer verdient der Künstler gerade mal einen Euro. Das ist absurd. Und alles was dort hochgeladen wird, dient der KI als Kopiervorgabe. Da ist Bandcamp viel spannender für Musiker aus unserem Feld jenseits des Pop.
Wir müssen alle zusammen überlegen, was wir anzetteln, wenn wir uns nur noch an Klicks und Followerzahlen orientieren, die die Auffindbarkeit und das eigene Stattfinden generieren. Was für alle Plattformen gilt.
Alexander J. Eberhard: Das Streamen verhält sich gerade in derselben Nutzungsfrequenz wie die CD in den Neunzigern zur Platte stand. Gleichzeitig gibt es auch wieder einen Plattenhype. Vinyl ist einfach ein wahnsinnig schönes Format: man kann das Cover gestalten, die Platte anfassen und auflegen, man kann sie in den Händen halten und wegräumen. Das ist irre. Der digitale Download wird dagegen verschwindend selten genutzt. Es braucht eine Alternative gegen die Riesen.
Wir haben diese Realität des Marktes, vergleichen dort aber ständig ungleiche Voraussetzungen miteinander: ein großer Teil der Künstler ist soloselbständiger Kleinunternehmer und verwaltet sich selber, ohne Major-Vertrag oder andere institutionelle Anbindung.
Alexander J. Eberhard: Diese brutale Abhängigkeit von einer Klickrate auf Playlists, die das Berühmtwerden suggerieren, während in Wirklichkeit gar nicht alle berühmt werden können, aber die Wenigen dann den Rest finanzieren. Dieses kapitalistische Denken, dass sich nur quantitativ Richtung Superlative ausdrückt, läuft dem Musikmachen so grausam entgegen. Musik ist doch ein Medium, dem man mit Bezahlmechanismen nicht gerecht werden kann. Ich bin natürlich kein Traumtänzer und will ja auch von der Musik leben können. Aber die Bezahlung macht das Musikmachen nun mal nicht aus.
Vieles braucht auch erst einmal Zeit für Wissensbildung und Kenntnis der digitalen Algorithmen. Je mehr man davon weiß, und auch weiß, was man selbst will, desto besser kann man sich platzieren. Und Themen wie Open Source und Datenschutz sind einfach unbequem. Es ist wichtig, dass sich jeder Einzelne dazu seine Haltung überlegt und danach handelt. Sind diese Schritte auch noch so klein, sie bringen sehr wohl was, weil die gesamte Struktur des Marktes vom Konsumenten abhängt.
Alexander J. Eberhard: Ich suche ja auch nach einem Umgang mit den vielen tollen Aufnahmen von unserer Studioreihe On the Couch. Abseits von Labelgründung und großen Streamingplattformen wäre es gut, noch eine andere Lösung jenseits der physischen Produktion zu haben/zu finden. Ein Piratenradio fände ich super.
On the Couch 2.0 – während die Ursprungsidee 2012 war, aktuelles Arbeiten von Musikern und aktuelle Arbeiten von Komponisten abseits von Konzerthäusern mit konventionellem Aufführungscharakter in einer Wohnzimmeratmosphäre mit anschließender Begegnungsmöglichkeit zu präsentieren, könnte es ja jetzt parallel ein digitales Format zum Hören der Couch geben. Wie geht es der Konzertreihe denn aktuell?
Alexander J. Eberhard: On the Couch wird heuer weniger gefördert, aus welchem Gründen auch immer. Folglich kürzen wir auch, nämlich am Programm und spielen zwei Konzerte weniger als in den vergangenen Jahren. Wir müssen uns Alternativen überlegen, wenn diese Fördertöpfe nicht mehr da sind.
Gibt es da Ideen?
Alexander J. Eberhard: Sponsoring über Vereinsmitglieder sozusagen.
Ihr habt einen Verein gegründet und seid jetzt zu dritt?
Alexander J. Eberhard: Ja, mit Igor Gross und Isabelle Eberhard haben wir einen Verein gegründet.
[Isabelle Eberhard betritt zufällig das Studio, Alexander dreht sich zu ihr.]
Alexander J. Eberhard: Seit wann besteht der Verein für On the Couch, Isabelle?
Isabelle Eberhard: Seit drei Jahren, 2023 haben wir uns als Verein gegründet.
Und was war die Motivation dafür?
Isabelle Eberhard: Als Verein haben wir einen seriöseren Auftritt und einen anderen Zugang zu Förderungen. Das ist allerdings vor dem Hintergrund unserer aktuellen Situation ausgesprochen relativ. Ein Vereinskonto zu haben, vereinfacht auch die Vorgänge und Abläufe deutlich, das hat uns schon sehr erleichtert. Wir versuchen nun über fördernde Mitglieder die fehlenden Fördermittel auszugleichen. Es ist dafür keine Aktivität im Verein notwendig, sondern lediglich die finanzielle Unterstützung gemeint. Außerdem haben wir angefangen, zunächst mit freien Spenden die Couch zu finanzieren. Seit zwei Konzerten sitze ich abends am Eingang und schlage einen Eintritt vor, der dann je nach finanzieller Lage vereinbart werden kann. Damit erhalten wir einen Spielraum, gewinnen aber trotzdem an Seriosität. Allein die Eingangsszene mit Kasse, Zettel, Stift und Einlassperson wird ernster genommen, als wenn einer nach dem Konzert mit dem Hut herumgeht.
Die innewohnende Botschaft ist doch aber auch, dass On the Couch durch beharrliche Kontinuität nach 14 Jahren eine Entwicklung vorgelegt hat und ernster genommen wird.
Isabelle Eberhard: Ja, das bringt uns auch in eine professioneller wirkende Position und gibt mehr Zufriedenheit. Wie oft waren wir nach den Konzerten frustriert, weil nicht genug reingekommen ist, die MusikerInnen natürlich trotzdem honoriert werden und wir als einzige draufzahlen. Die Zeit, die wir auf diese Veranstaltungsreihe verwenden, ist ja nicht unser Privatvergnügen, sondern unsere Arbeitszeit, die natürlich auch vergnüglich sein kann. Wenn ich ein Konzert spiele, bekomme ich es bezahlt. Wenn ich ein Konzert organisiere, möchte ich auch bezahlt werden. Der Erhalt dieser Veranstaltungsreihe mit 9 oder 10 Konzerten im Jahr kostet viel Zeit.
On the Couch ist bereits für das gesamte Jahr durchkonzipiert?
Isabelle Eberhard: Ja, wir treffen uns bereits seit Jahren im Herbst und erstellen da das Programm für das kommende Jahr: Zehn Konzerte jeweils donnerstags abends.
Alexander J. Eberhard: Thursday is On the Couch Day!
Gibt es eine inhaltliche Ausrichtung für die Couch?
Alexander J. Eberhard: Wir schauen, dass wir ein buntes Programm zusammenbringen. Begonnen hatten wir ja mit dem Schwerpunkt auf Improvisation, Neue und Elektronische Musik – das hatte sich so ergeben. Nun versuchen wird aber breiter und vielgestaltiger zu programmieren.
Isabelle Eberhard: Im Mai gibt es ein Klaviertrio mit komponierter Musik von Clara Schumann und Mel Bonis, im Juni wird es Jazz geben. Wir möchten einfach auch gern ein breiteres Publikum ansprechen.
Alexander J. Eberhard: Es gab ja auch Hörspiele, Videokunst und Lesungen mit Bodo Hell, eine seiner letzten Lesungen wahrscheinlich.
Was ist denn die innere Richtung, der innere Auftrag der Couch? Angefangen hatten wir mit einer Klangkunstausstellung. Da sollte die Reihe ein Ort für Wohnzimmerkonzerte sein, gegenwärtige Übungsszenarien vor Publikum zu holen. Das hat sich nun geändert …
Alexander J. Eberhard: Die Couch hat sich zu einem regelrechten Konzertprogramm entwickelt. Dieses Ausprobieren von unfertigen Sachen vor Publikum ist nur noch punktuell vorhanden. Vor zwei Jahren hat Flora Geißelbrecht beispielsweise ein Soloprogramm präsentiert und ihr neues Stück mit Schattenspiel hier ausprobiert.
Isabelle Eberhard: On the Couch soll einen Raum für Programme bieten, die woanders nicht so gespielt werden, weil sie eine zu kleine Nische bedienen oder für kleinere Bühnen gedacht sind. Oder zu selten gespielt werden. Oder weil angehende MusikerInnen ihre Sachen vorstellen wollen. Wir kuratieren Dinge, die uns ins Ohr springen.
So kann man einen Teil eures musikalischen Kosmos über die Couch kennenlernen. Ein anderer Teil ist ja das Christine Lavant Quartett – CLQ::, von dem ihr beide Gründungsmitglieder seid.
Isabelle Eberhard: Wir haben zwar erst kürzlich in der ÖAW ein Konzert gespielt, aber unsere Schwerpunkte liegen im Moment woanders. Und zwar aus ganz pragmatischen Gründen: sich selbst als Quartett aufzustellen und Konzertmöglichkeiten zu organisieren, ist maximal unwirtschaftlich.
[Isabelle Eberhard schnappt ihr Cello und verabschiedet sich.]
Das Trio Stopkontakt ist dagegen sehr aktiv.
Alexander J. Eberhard: Florian Bogner ist zwar auch sehr eingebunden, aber zwei Auftritte sind schon geplant dieses Jahr.
Und eine Konstante durch alle Formationen, in denen du spielst, ist Igor Gross.
Alexander J. Eberhard: Ja, unsere Zusammenarbeit ist extrem lässig. Es soll auch heuer hoffentlich eine gemeinsame Veröffentlichung geben, nachdem letztes Jahr beim ersten Anlauf mein Amplifier kaputt gegangen war. Igor ist beim Trio mit Peter Herbert, spielt aber auch live bei bonaNza immer mit.
Wieso ist eigentlich aus dem Duo ein Trio geworden?
Alexander J. Eberhard: Wir haben live die Beats immer nur elektronisch generiert, was ich zunehmend langweilig fand. Ein Schlagzeug macht unsere Musik echt lebendiger und da lag es nahe, Igor zu fragen. Letzten Dezember in der Strengen Kammer war unser Auftritt jedenfalls gelungen. Auch hier sind Ideen und Lust ausreichend, um das Projekt weiterzuentwickeln. Nun ist aber der zweite Mann im Bund, Jorge Sanchez-Chiong, seit 2022 Professor an der mdw und auch außerordentlich mit Aufgaben eingedeckt.
Und das Trio mit Igor Gross und Wolfgang Mitterer …
Alexander J. Eberhard: … ist ein Couch-Surrogat. Auch hier ist es nicht so einfach, Sachen aufzustellen. Wolfgang Mitterer schickt gern sehr dichte Elektronik und ist unter anderem ein unglaublich guter Improvisator am Klavier: ganz leise und dann wieder extrem wild. Er artikuliert sich oft eher sparsam und puristisch, seine Sprache ist konsequent eine musikalische. Wolfgang Mitterer improvisiert für sein Leben gern und mag es, wenn es laut wird. Wir geben zusammen gern Vollgas. Spannend wird die Kombination beider Formationen: Peter Herbert und Wolfgang Mitterer mit Igor Gross und mir. Peter und Wolfgang haben vor ca. einem Jahr ein Album mit ihren Improvisationen veröffentlicht, was maßgeblich von Peter Herbert ausging. Wolfgang Mitterer vertritt ja die nüchterne Haltung, dass es keine Veröffentlichungen auf Datenträgern mehr braucht, weil sie unter anderem keine Einkünfte mehr generieren.
Woran arbeitest du kompositorisch?
Alexander J. Eberhard: Nächstes Jahr im Mai wird auf jeden Fall mein Stück für Big Band im Porgy&Bess aufgeführt werden. Es handelt sich um ein Auftragswerk für das Wednesday Night Prayer Orchestra von Ludwig Bekic , eine klassische Big Band mit 16 MusikerInnen. Es ist super spannend als Nicht-Jazzer für eine Big Band zu schreiben!
Jazz-Einflüsse spielen in deinem Tun immer wieder eine Rolle …
Alexander J. Eberhard: Neue Gefilde zu entdecken und zu ergründen, hält mich aufrecht. Ich suche auch immer wieder nach Aufgabengebieten, die ich noch nicht kenne. So entstehen neue Ideen und Arbeiten in anderen Territorien, wie Video oder Film beispielsweise. Wahrscheinlich interessiert mich das multimediale Spielfeld, wo ich meine Ideen dann prüfen kann.
Was wie eine Erweiterung klingt, ist vielleicht bloße Anwendung und Bedienung bislang als artfremd geltender Strukturen …
Alexander J. Eberhard: … andere Genre und andere Besetzungen auch.
Der Komponist denkt ja universell für alle Stimmen eines Werkes und der Instrumentalist schöpft beim Improvisieren aus seinen Fertigkeiten am Instrument. Du komponierst und improvisierst – wie durchwirken sich diese beiden Felder?
Alexander J. Eberhard: Mir taugt das Improvisieren ja deshalb so sehr, weil es da geschehen kann, dass man voll reinkippt und die Musik aufgeht. Dafür ist es mir wichtig, Menschen zu finden, mit denen dieses Erleben ohne große Absprachen und Proben vorab möglich ist. Nach Auftritten mit dem Trio Polyester passierte es schon, dass gefragt wurde, ob wir improvisierte oder komponierte Musik gespielt haben, weil unser Spielen so faszinierend ineinander greift. Ich versuche beim Komponieren auch, diesen Zustand zu erreichen. Auch wenn mich der Moment, ein komponiertes Stück zu üben bis es so klingt, wie es der Komponist gewollt hat, ebenfalls kickt. Das eine beeinflusst das andere. Wenn ich ein Stück nach einer super Idee schreibe, folgt der Rest einer inneren Logik – beinahe wie Mathematik. Spannend beim Improvisieren ist, vorher nie zu wissen, was rauskommen wird. Die beiden Vorgehensweisen stellen in mir Fragen aneinander, warum welche Vorgänge manches Mal funktionieren und dann wieder nicht.
Deine forschende Haltung: Wo findet Improvisation statt und was kann sie, wenn sie auf den Punkt kommt? Was muss in der Komposition passieren, dass es ebenfalls passieren kann?
Alexander J. Eberhard: Faszinierend ist für mich, dass beim Improvisieren ohne Üben die Sachen manchmal besser aufgehen als in der komponierten Form. MANCHMAL habe ich das Gefühl. Da spielt offenbar die Unvorhersehbarkeit als weiterer Spieler mit.
Ich dachte erst, du beschreibst ein Spiel mit der Sicherheit …
Alexander J. Eberhard: Auf jeden Fall! Selbst bei den besten Sachen vermisse ich in Clubs oft trotz ausgefeilter Virtuosität und Komposition die Lust auf Risiko, auch mal Reibung oder Störung zu verursachen. Vor allem in jungen Formationen ist das zu beobachten. Weil die Location gefüllt und das eigene Image aufgebaut werden müssen, wird kaum noch etwas ausprobiert oder riskiert.
Eine paradoxe Gegenwartsbeschreibung: Die jungen Leute trauen sich weniger als ältere Semester an Musikschaffenden. In den fortgeschritteneren Phasen dieser Beruflichkeit stecken plötzlich mehr Freiheitsgrade als in den Anfängen, weil Krösus überall hineingewuchert ist.
Alexander J. Eberhard: Ich habe keine Berührungsängste mit Melodien oder einfachen Rhythmen. Musik muss einfach fahren und abholen, auch ohne hochgradig intellektuell zu sein. Das kann sogar mit leiser Musik gelingen. Auch leise Musik und Stille hat eine innere Kraft, die aufgehen und auf den Punkt kommen kann. Es muss nicht immer hämmern. Aber Musik, die sich keine Ecken traut, damit niemand im Publikum erschrickt, wird absehbar. In der Neuen Musik trifft man außerdem oft eine vermeidende bzw. vorsichtige Haltung an, um die Zugehörigkeit zur aktuellen Strömung nicht zu gefährden.
Ist die Bratsche deine Partnerin?
Alexander J. Eberhard: Ja. Wenn ich sie längere Zeit nicht in der Hand habe, werde ich unrund. Wir waren mal etwas mehr auf Distanz. Aber in letzter Zeit sind wir ungeheuer zusammengewachsen. Ich messe so wahnsinnig gern Abläufe. Also tracke ich auch meine Übungssessions. Es ist für mich total motivierend zu sehen, wieviel ich letzte Woche täglich komponiert oder Bach und Devices geübt habe. Genauso ist das Üben mit dem Metronom total hilfreich. Was irgendwie angestaubt klingt, ist in Wahrheit permanentes Prüfen der eigenen Fähigkeiten und auch Einschätzung. Hilfsmittel, die im Sport total angesehen und selbstverständlich sind, selbst im Hobbysport, kann man in seiner Profession sehr dienlich verwenden.
Hast du einen Arbeitsrhythmus?
Alexander J. Eberhard: Wenn ich komponiere, stehe ich gern schon morgens um fünf auf, um ungestört vom Alltagsgeschehen schreiben zu können. Nach drei Stunden kann ich dann frühstücken und habe das gute Gefühl, schon etwas geschafft zu haben – ähnlich wie Haruki Murakami, der meines Wissens täglich bis zehn Uhr morgens schreibt. Das ist Typsache und ich gehöre wohl zu den Morgenmenschen.
Deine Zeit ist zwischen Aufstehen und Wachwerden der Welt.
Alexander J. Eberhard: Ich bin in der Früh einfach doppelt so schnell mit Entscheidungen, weil ich fokussiert und von den Alltagsdingen nicht so abgelenkt bin.
Und da liegt zum Beispiel auch ein Kompositionsauftrag für die Junge Musik bei wien modern auf deinem Schreibtisch …
Alexander J. Eberhard: Ich darf heuer für dieses Musikschulformat ein Stück für Bratschenensemble schreiben. Cordula Bösze konzipiert bei wien modern schon seit Längerem ein Programm, wo Musikschüler neue Kompositionen uraufführen. Im mumok wird dafür jährlich eine Matinee veranstaltet, für die ich letztes Jahr schon ein Bratschenquartett, lauter Miniaturen, schreiben durfte.
Ein Auszug des Artikels ist erstmals erschienen auf www.musicaustria.at.

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